Alles so schön schräg hier
Zu nett und zu niedlich: Thomas Brussigs Filmversion
von »Helden wie wir« begnügt sich mit DDR-Folklore


Ariane Heimbach

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Allein schon sein Name: Uhltzscht, Klaus Uhltzscht. Damit sei seine Laufbahn als Versager ja bereits vorprogrammiert gewesen. "Sehen Sie sich doch nur diesen einsamen Vokal an, der unter der Last der Konsonanten ächzt", weist Uhltzscht gleich zu Beginn seiner Lebensbeichte auf das symbolträchtige U in seinem Nachnamen hin. U wie unschuldig, unbefleckt, unterdrückt? Oder vielmehr unsympathisch, ungeheuerlich, unter der Gürtellinie?

Autor Thomas Brussig sät in seinem 1995 veröffentlichten und nun verfilmten Roman "Helden wie wir" von Anfang an Unsicherheiten darüber, wie der Leser diesen mal jammernden, mal jubilierenden Icherzähler einzuschätzen habe. Denn Uhltzscht, ein Ostberliner Plattenbaubewohner, Zögling einer hoch neurotischen Hygieneinspektorin und eines kaltschnäuzigen Stasi-Beamten, ist zwar das bemitleidenswerte Geschöpf einer rigiden und verklemmten Erziehung, aber zugleich ein ausgesprochener Widerling: Frauenverächter, phallomanisches Ekel und Stasi-Trottel, der obendrein behauptet, mit seinem monströsen Geschlechtsorgan die Öffnung der Mauer bewirkt zu haben.

Kurzum, Klaus Uhltzscht ist alles und nichts. Eine Kunstfigur, dazu geschaffen, eine krass überzeichnete Mitläuferbiografie zu verkörpern, die alle normalen Mitläuferschicksale der ehemaligen DDR in sich vereinigt. Ein zwischen Nichtigkeit und Größenwahn schwankendes deformiertes Ich, wie es nur die kommunistische Diktatur hervorbringen konnte - und das nur ein Ostdeutscher wie Brussig "aus Wut und Verbitterung über die nicht stattgefundene Vergangenheitsbewältigung" erfinden konnte.

Von dieser Wut ist im Film "Helden wie wir" jedoch ebenso wenig zu spüren wie vom abstoßenden Charakter des Romanhelden. Uhltzscht ist gemäß den Regeln des Mainstream-Kinos so angelegt, dass sich der Zuschauer noch mit ihm identifizieren kann. So wirken die Darsteller - Adrian Heidenreich als Kind, Daniel Borgwardt als Teenager - viel gutmütiger, ja menschlicher als das zombiehafte Original. Eine pubertäre Liebesgeschichte gibt - anders als im Buch - außerdem den roten Faden ab, der sich später in den Strängen eines konventionellen Thrillers verliert - weder fehlt eine Verfolgungsjagd im Trabi noch eine Verschwörung unter Stasitreuen Weißkitteln.

Ob's dem Film, der pünktlich zum Mauerfall am 9. November Premiere feiert, zu den hohen Publikumszahlen verhilft, welche die Filmversion von Brussigs Roman "Sonnenallee" seit einigen Wochen verbuchen kann? Auch für "Helden wie wir" hat der Autor schließlich das Drehbuch geliefert. Doch während "Sonnenallee" den Vergleich mit dem Buch nicht zu scheuen braucht, kommt Sebastian Petersons Leinwandadaption einfach zu nett und niedlich daher.
Brussigs erfolgreicher Wenderoman ist eine Attacke gegen den guten Geschmack, die mit boshaften Anspielungen auf prominente Wendehälse nicht spart und die programmatische Verblödung seines Protagonisten drastisch schildert. Im Kino dagegen wird mit schrägen Anekdoten aus dem Stasi-Alltag gerasselt, Skurriles aus der ostdeutschen Requisitenkammer zusammengeklaubt und Realfilm mit Zeichentrick, Dokumentaraufnahmen und alten Fernsehbildern aus den Siebzigern und Achtzigern kombiniert.

Dabei geht Sebastian Peterson äußerst virtuos und witzig mit diesen filmischen Mitteln um. Der Aufbau Ost läuft etwa parallel zum häuslichen Geschehen bei Familie Uhltzscht als farbenfroher Animationsfilm hinter deren Wohnungsfenster ab. Oder der Film blendet den Tagtraum des kleinen Klaus vom kommunistischen Helden "Teddy" (Ernst Thälmann) als Schwarzweißfilm-Sequenz mit einem gigantischen Stofftier ein.
An vielen Stellen wirkt die Inszenierung jedoch allzu bemüht, vor allem wenn die Off-Stimme des Hauptdarstellers die verqueren Gedanken von Uhltzscht wiedergibt und die Filmbilder den Kommentar dann nur noch illustrieren. Solche Doppelungen zeigen noch einmal, wie schwer es ist, den Ton und den Sprachwitz des dreihundertseitigen Romanmonologs zu treffen. Eine Schwierigkeit, mit der bereits die Hamburger und Berliner Bühnenfassungen von "Helden wie wir" zu kämpfen hatten.

So gelingt dem Film auch die größte Frechheit des Buches nicht: die DDR-Zeit- und Alltagsgeschichte aus der Perspektive eines Beschädigten zu schildern und die historischen Ereignisse zugleich aufs Penetranteste mit den Betrachtungen eines Penis zu verbinden. Besser ließe sich die Absurdität des ganzen Systems nicht bloßstellen. "Helden wie wir" ist dagegen nur ein multimediales Patchwork aus Vergangenem, ein bisschen DDR-Folklore, die lustig aussieht und keinem wehtut.




Ariane Heimbach: Alles so schön schräg hier, in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt vom 5. November 1999.