Scherz, Satire, Ironie...
"Helden wie wir": eine Pointe aus Papier. "Sonnenallee": die revolutionäre Komödie

Peter von Becker

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Für den Schriftsteller Thomas Brussig, vor 34 Jahren in Ost-Berlin geboren, wird auch dieser 9. November ein schöner, ein vielleicht unvergesslicher Tag gewesen sein. "Helden wie wir" hat nach dem Buch und nach der erfolgreichen Bühnenversion nun auch im Kino Premiere. Zugleich boomt, mit inzwischen über einer Million Zuschauern, auch Brussigs "Sonnenallee" - wann hat ein Autor schon das Glück, gleich zwei seiner Erzählungen binnen vier Wochen als Film zu erleben? So viel Film (wo doch alle ZUM FILM wollen): ein Traum. Was sonst?
"Sonnenallee" lief am 7. Oktober an, zum 50. Geburtstag der DDR selig. Auch "Helden wie wir" ist jetzt ein Jubiläumsfall, denn beide Filme spielen mit Kindheit und Jugend in der späten DDR - und enden mit dem Mauerfall. Nun müssen Helden wie die auch erwachsen werden.

Zwei Jubiläen, zwei Komödien. Dabei ist Leander Haußmanns Verfilmung der "Sonnenallee" nicht nur ein Kassenhit, sondern vor allem ein Lachschlager, ja: Seit den Rennrodlern und den Kugelstoßerinnen gab es unterm Signum der DDR wohl nichts Erfolgreicheres als dieses Stück swinging eastside. Das macht es manchen - nicht nur dem Schriftsteller und Kulturkritiker Hans Christoph Buch auf dieser Seite - auch schon verdächtig. Darf man über die DDR so viel lachen? Ist da schon wieder Doping im Spiel? (Diesmal hieße die zwerchfellerregende, hirnumnebelnde Droge wohl: Ostalgie 2000, schon jetzt im Handel.)

Um es gleich zu sagen: Ich halte "Sonnenallee" für einen großen Film, für eine fabelhaft geglückte Komödie. Und "Helden wie wir" für exemplarisch misslungen. Im "Helden"-Fall liegt dabei der Grund des Scheiterns schon im Stoff.
"Helden wie wir" ist ein Monolog. Ist die mal alberne, mal aberwitzige Kopf- und Kotzgeburt eines Ich-Erzählers, jenes Klaus Uhltzscht, der als Sohn eines (späteren) Stasifunktionärs just am 20. August 1968, als die Panzer des Pakts nach Prag rollen, zur Welt kommt; der in der Schule und im beginnenden Berufsleben, welches ihn in Ost-Berlin seinerseits als Unsicherheitsfaktor in die löchrig werdenden Netze der Staatssicherheit führt, ein kleines Problem hat. Die Männlichkeit wirkt zu schmächtig. Das Problem wird dann unverhofft größer, als Klaus zum Zwangsblutspender des bereits siechen Staatsratsvorsitzenden wird und irgendeine Operation ihm eine besondere Schwellung verursacht. "Der geheilte Pimmel" heißt frei nach Christa Wolf das Schlusskapitel, und ausgerechnet am 9. November 89 lässt der Junge an der Mauer die Hose runter, was die Grenzer in solche Verwirrung versetzt, dass die lachenden Massen ungehindert über die Grenze drängen. Klaus Uhltzscht also hat als moderner Eulenspiegel die Wende vollbracht: Was ihm steht, lässt die Mauer fallen - das ist die ulkige Botschaft.

Ein Schelmenstück, eine Prosagroteske, die freilich ganz aus dem Sprachwitz lebt, ein Einzelleben als 300-seitiges Sekundentheater, doch keine übergreifende Zeitgeschichte. Kein Gesellschaftspanorama. Der Regiedebütant Sebastian Peterson macht daraus ein nie richtig ins Laufen, Tanzen, Schweben geratendes Stationendrama: die Geburt, der Kindergarten, die Familie am Abend, die Schule am Morgen, und wieder zu Hause bei Klaus läuft immerzu der Fernseher, da sitzt der Vater (Udo Kroschwald) beim Bier vorm Schwarzen Kanal oder einer rosaroten Schlagerparade, und die Mutter (Kirsten Block) übermuttert den ewig eingeschüchterten Sohn, der das alles im Off noch nacherzählend begleitet. Was eine surreale, also überwirkliche DDR-Endzeitparabel werden sollte, ist trotz Trickfilmeinlagen und allerlei Ein- und Anspielungen aus den Archiven des Deutschen Fernsehfunks eine zähe Detailpinselei geworden. Wohl spürt man die unendliche Energie, die darauf verwendet wurde, in Tapetenmustern und Sprelacart-Möbeln den Alltag einer DDR-Musterfamilie nachzuzeichnen: Doch der Film klebt an den Vorbildern wie ein Klischee selbst dort, wo er satirisch, bizarr oder auch nur klamottig sein möchte. Fast riecht das Kino schon nach Lysol.

"Helden wie wir" hat einen Grundeinfall, aber keine Story. Schon Uhltzscht, der Name, ist eine Pointe nur auf dem Papier. Niemand, der ihn hier in den Mund nimmt, bringt den Gaumenknödler zum Singen. Was am dünnen, blassen Klaus, den der junge Daniel Borgwardt mit Ernst und Blässe spielt, nun auf einmal gewachsen ist, was als Hosenöffnung die Maueröffnung signalisieren soll, sehen wir nicht. Aus teils organischen, teils puritanischen Gründen bleibt das wahre Ausrasten digital zugerastert. Und weil dieser Schluss sich, trotz rührend nachgestelltem Novembertrubel, als Ereignis für blinde Spanner erweist, muss der Film nachlegen, wo das Buch endet. Brussig und Peterson haben für ihren Klaus eine Liebesgeschichte erfunden, die in Holland im Tulpenfeld zum Finale blüht. Das soll ein Scherz sein und Ironie - und ist doch nur zum Gähnen.

Mit leicht masochistischer Strenge spielen manche Kritiker nun einen Film gegen den anderen aus. Zwar finden sie "Helden wir wir" auch ziemlich mickrig und langweilig - fragen zugleich aber, ob man, wie in "Sonnenallee", jene ziemlich mickrige DDR überhaupt zu großem Kino stilisieren dürfe, ja, ob es denn erlaubt sei, über das Land hinter der Mauer einen so unterhaltsamen Film zu drehen. Das erinnert ein bisschen an die berühmte Kortner-Anekdote: Als der große Regisseur mit dem Komiker Curt Bois probierte, einmal ganz unzufrieden war und Bois sagte, aber Herr Kortner, Sie haben doch gelacht! Worauf Fritz Kortner erwiderte: "Ja, aber unter meinem Niveau."
"Sonnenallee", das Filmdebüt des Theaterregisseurs Leander Haußmann, ist tatsächlich die erste neue deutsche Kinokomödie mit Weltniveau. Dabei behauptet Haußmann nie, die verblichene DDR realistisch (oder gar "ostalgisch") wiederbeleben zu wollen. Seine Sonnenallee, diese nachgebaute, bewusst kulissenhafte dead end street an der Mauer, ist eine Kulissenwelt, so bühnenhaft künstlich wie das Warschau des Zweiten Weltkrieges in Ernst Lubitschs Hitler-Hamlet-Satire "Sein oder Nichtsein". Und auf dieser Film-Bühne, mit einer Vielzahl brillanter Schauspieler (von Katharina Thalbach bis Ignaz Kirchner, dazu die fabelhaften Jungen), erzählen Thomas Brussig und Leander Haußmann eine Geschichte eben im Geiste von Lubitsch - und eines Richard Lester. Ein Vierteljahrhundert nach der "Legende von Paul und Paula" ist das noch einmal ein Film der Jugend-Sehnsüchte in der DDR, und diesmal weht der Westwind, der Weltwind der Popmusik durch alle Mauerritzen. Das war ein Traum, den Haußmann bis hin zum Mauerfall Kinowirklichkeit werden lässt. In hinreißend musikalischem, zwischen komischer Verzweiflung und trotzigem Optimismus schwebendem Rhythmus gibt er den DDR-Alltag dem Lachen, nicht der Lächerlichkeit preis. Und dieses Lachen wirkt weder verharmlosend noch verklärend. Es wirkt: befreiend. "Sonnenallee", zehn Jahre nach dem 9. November 89 ein Erfolg im Osten und Westen, ist so auch ein verbindender deutscher Grenzfall - eine revolutionäre Komödie.




Peter von Becker: Scherz, Satire, Ironie..., in: Tagesspiegel vom 9. November 1999.