"Hier schnuppert's aber"
Die Thomas-Brussig-Verfilmung "Helden wie wir" fällt gegenüber "Sonnenallee" stark ab

Tilman Krause

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Klar, Kino ist Kunst. Aber wehe, es stellt seine Kunstmittel aus. Dann wird es leicht Kunstgewerbe. Bezieht es sich dabei auf eine literarische Vorlage, kann man sicher sein, dass es deren Geist verrät. Beiden Gefahren erliegt die zweite Brussig-Verfilmung dieses Herbstes. Im Gegensatz zu Leander Haußmanns "Sonnenallee", die die literarische Vorlage an Witz, Pointiertheit und karikierendem Spott sogar übertrifft, fällt Sebastian Petersons Version von Thomas Brussigs Erfolgsroman "Helden wie wir" weit hinter das Original zurück. Das hat verschiedene Gründe. Aber der entscheidende ist wohl, dass der Ehrgeiz des Regisseurs in die falsche Richtung zielt: Anstatt sich auf die Hauptgeschichte dieser frech-fröhlichsten Wende-Groteske zu konzentrieren, mit der ein Schriftsteller bisher auf die Ereignisse von 1989/90 reagiert hat, bündelt er seine Energien für den Subtext.
Peterson, offenbar mit allen Wassern realsozialistischer Filmbildung gewaschen, liefert ein Daumenkino ebendieser Spielart. Er integriert Zeichentrick-Kulissen in Studioaufnahmen, wechselt von dokumentarischer Grobkörnigkeit verschiedener Filmformate zu Propaganda-Ansichten, jongliert mit Farbe und Schwarzweiß. Das Sandmännchen und damit die spezifische Ästhetik dieser wahrscheinlich erfolgreichsten Sendung des gesamten DDR-Fernsehens ist das geheime Zentrum dieses Rückblicks auf die letzten Jahre der zweiten deutschen Diktatur.
Dazu passen Szenen wie die, wo "Teddy" Thälmann als gutmütiger Brummbär an Gefängnisgittern rüttelt. Eine hübsche Idee, um immer wieder an die Infantilität einer Gesellschaft zu erinnern, deren politisches Oberhaupt seine Landsleute mit Kinderversen wie "Den Sozialismus in seinem Lauf/ halten weder Ochs noch Esel auf" bei der ideologischen Stange zu halten versuchte. Aber das Wesentliche von Brussigs Roman geht mit solchen Capricen verloren, ohne dass ihm ein ernst zu nehmendes Gegengewicht durch die Handschrift des umschaffenden Regisseurs erwüchse.
Als Brussigs Roman 1995 erschien, machte er nämlich deshalb so unerhört Furore, weil er einen noch nie dagewesenen Ton in die Darstellung der jüngsten DDR-Vergangenheit brachte: eine überdrehte, bis zur Burleske unverblümte Satire auf die plüschgepolsterte, triebfeindliche, verkitscht-verlogene Kleinbügerhölle, welche die DDR zumindest für ihre kritischen jüngeren Bewohner bis zum Schluss gewesen zu sein scheint. Die Geschichte des Ostberliner Jungmannes mit dem unaussprechlichen, dafür um so besser herauszuwürgenden Namen Klaus Uhltzscht, seines Zeichens Sohn eines Stasibeamten und einer "Hygieneinspektorin", der den Kontroll- und Sauberkeitswahn seiner Eltern mit monomanischer Masturbation beantwortet, diese Geschichte birst vor befreiender Komik.
Zum Schluss wird diese Befreiung ganz wörtlich, weil es nämlich dem Genre gemäß simpel gestrickten Schelm allein durch Vorzeigen seines durch Unfallfolgen aufgewerteten Riesen-Gemächts gelingt, die Mauer zu Fall zu bringen - will sagen, die in ihrer genitalen Männlichkeit gekränkten Grenzer dermaßen zu verblüffen, dass sie vor Schreck öffnen, was sie vorher streng verschlossen hielten.
Für Glaubwürdigkeit und Anschaulichkeit dieser Geschichte kommt nun alles darauf an, dass die Hauptfigur, dieser monströs bestückte Kleinstadtneurotiker, richtig besetzt ist. Im Idealfall spielt ihn eine nervös überspannte, immer mobil an der Grenze zur Marionette agierende Kunstfigur. Als solche gab ihn Götz Schubert für die Bühnenfassung des Romans im Deutschen Theater zu Berlin. Peterson hingegen hat sich für den jungen (und unbekannten) Daniel Borgwardt als Klaus Uhltzscht entschieden.
Der wirkt nun aber genau so, wie eine Figur von Thomas Brussig niemals wirken darf, zart besaitet, nett und unscheinbar in jeder Hinsicht. Wenn man Borgwardts Odyssee durch den realsozialistischen Alltag, vom Elternhaus über Schule, Jugendliebe, Stasi (samt "operativer Kontaktaufnahme" zu seinem ersten natürlich misslingenden Sexabenteuer) bis hin zur erfolgreichen Rückeroberung seiner Jugendliebe aus dem Dissidentenmilieu, so zuschaut, verliert sich auch der letzte Rest Komik. Die Kunstfigur wird zum Sympathieträger. Gerührt verfolgt der Zuschauer seine linkischen Manöver, nicht aufgerüttelt und schon gar nicht amüsiert.

Dadurch kommt eben jener Geist gemütvollen Verständnisses für das Menschlich-Allzumenschliche auf, den Thomas Brussig im Gegensatz zu den üblichen Weichzeichnem aus Ossiland ja gerade so scharf und ätzend karikiert, um nicht zu sagen denunziert. Auch von den durchweg blassen übrigen Schaupielern ist keiner in der Lage, den Film von dieser Folie verkleisternder Harmlosigkeit zu befreien. "Hier schnuppert's aber", pflegt Mutti Uhltzscht zu sagen. In Petersons Film ist alles clean. Aber gerade daher kommt sein haut gout.




Tilman Krause: "Hier schnuppert's aber", in: Welt vom 9. November 1999.