Ohne Tote
Aber ehrlich erzählt: Thomas Brussigs Erstling "Wasserfarben" wiederveröffentlicht

Stephan Speicher

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Aller Anfang ist leicht. Durchhalten ist schwierig. Das Zeug zu einem ordentlichen Roman haben manche in sich. Sie schöpfen das Material ihres Lebens aus, und der Schwung des Beginnens trägt sie. Mit den nächsten Arbeiten wachsen die Schwierigkeiten. Der Stoffvorrat, den jeder mit sich trägt, ist bereits angegriffen, die artistische Methode trifft bei der neuen Arbeit auf neue Widerstände. Deswegen ist die Kritik so aufmerksam, wenn ein erfolgreicher Debütant sich wieder zu Wort meldet.
Hier verhält es sich umgekehrt. Wenn der Deutsche Taschenbuch Verlag Thomas Brussigs Roman "Wasserfarben" wiederveröffentlicht, ist es zwar das zweite Buch, das unter dem Namen dieses Autors erscheint, aber das erste in der Entstehung. Seinen Erstling hatte er unter dem Pseudonym Cordt Berneburger vorgelegt, und sich erst später, nach dem Erfolg mit "Helden wie wir", dazu bekannt. Zweimal also hat sich der Autor mit der Geschichte einer Jugend in der ausgehenden DDR befaßt. Aber erstaunlicherweise ist das erste Buch das ruhigere, weniger aggressive. Brussig ist, um es zu überspitzen, der Autor, der klassisch beginnt.

"Helden wie wir" wurde seinerzeit mit gemischten Gefühlen beurteilt. Man sah den energischen Zugriff, stieß sich aber auch an den sexuellen Kraßheiten, namentlich den Masturbationsorgien. Und daran stießen sich einige vor allem, daß sich darin die sozialistische Gesellschaft spiegeln sollte; in einer geradezu allegorischen Weise.

"Wasserfarben" ist dagegen ein sehr viel eindeutiger realistisches Buch aus dem Genre des Abiturientenromans. Mit der letzten Prüfung werden die Schüler aus einer festen Ordnung entlassen; mit der Wahl des Berufs oder Studienfachs steht die erste große Entscheidung an. Die Nähe zum Bildungsroman liegt auf der Hand und damit auch die ideologiekritischen Einwände. Aber wie immer wir die Möglichkeiten der Personwerdung beurteilen, der Wunsch, ein Individuum nach eigener Fasson zu werden, ist nicht erledigt. Den Wunsch, mehr als ein fungibles Massenwesen zu werden, hegt auch Brussigs Ich-Erzähler Anton Glienicke. Absolvent einer EOS (Erweiterte Oberschule) eckt er an in mittlerem Ausmaß. Ihn treibt nicht ein oppositioneller Wille, ihn hindert ein Unbehagen daran, zu tun, was alle tun.

Die Besichtigung der Arbeitswelt in der wissenschaftlich-praktischen Arbeit hat ihn ernüchtert, die Großtuerei der Lehrer und Mitschüler abgestoßen. So wird sein Thema das Tasten nach einem authentischen Leben. Sehr schön ist Brussig die Verwendung des Schülerjargons gelungen, der mehr ist als ein realistisches Erzählmoment. Er ist Ausdruck einer Seelenlage, die nicht die Sprache der Erwachsenen nutzen will, die den eruptiven Gedanken und Gefühlen entsprechen soll und zugleich die offene, verwundbare Person schützen muß. Ein einziges Mal wird eine klare, regelgerechte und von jedem Getue freie Sprache geführt: Als der Physiklehrer Droost, ein Alkoholiker, seinen Schülern, ergebnislos natürlich, ihre Borniertheit vorführt.

Es gehört zum Realismus dieses Romans, daß er - durchaus anders als in "Helden wie wir" - alles Auffällige meidet. Geschichten, deren Helden sterben müssen, findet Anton Glienicke aufgeblasen: "Kann man nicht ehrlich mal eine Geschichte erzählen, bei der alle überleben? Als ob sich Haarsträubendes nur dort ereignet, wo jemand stirbt." Und tatsächlich kann Brussig eine Spannung aus geringsten Episoden, aus Nicht-Ereignissen aufbauen. Zwischen Anton und einem hübschen, munteren, unkonventionellen Mädchen scheint sich eine Liebesgeschichte zu entspinnen. Die beiden treffen sich halb zufällig an einem Sommertag, alles scheint in bereits angelegte erotische Bahnen zu münden, "aber jetzt war es einfach nicht drin. ( ... ) Ich finde es immer sehr belastend, wenn man dieses Zeug herbeten muß".

Eine Figur, die weder in den öffentlichen noch in den privaten Verhältnissen zu einer Entscheidung findet, ist romantechnisch ein Problem. Auch Brussig ist mit diesem Problem nicht fertiggeworden. Zuletzt führt er Anton mit seinem älteren Bruder, einem Rocksänger, zusammen. Auf dem Dach eines Berliner Hauses erklärt ihm der Bruder das Leben. Es tut weh, sich zu entscheiden, aber es muß sein. Um als Rocksänger zu leben, hat er sich sogar von seinen geliebten Katzen trennen und sechs Tiere eigenhändig ersäufen müssen. Der jüngere Bruder will die Ratschläge annehmen. Ein Schluß in der Art des Goetheschen "Wilhelm Meister", klassisch in der Unterstellung einer zuletzt möglichen Harmonie zwischen der Welt und dem Ich mit seinen Sehnsüchten. Daß von dieser Harmonie nicht mehr erzählt wird, zeigt die Schwäche der Konzeption, eines bloßen Notdachs. Aber dem Autor sei nicht vergessen, daß er seinen Anton auch einmal auf Goethe zu sprechen kommen läßt, sehr abfällig.




Stephan Speicher: Ohne Tote, in: Berliner Zeitung vom Samstag, dem 8. Februar 1997.