Wer hat die Mauer umgeschmissen?
Thomas Brussigs Wenderoman «Helden wie wir»

Marion Löhndorf

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Thomas Brussig ist nichts heilig. Nicht Christa Wolf, nicht Katarina Witt, nicht der Mauerfall. Brussigs Romanheld Klaus Uhltzscht spricht seine Ostberliner Biographie einem Reporter der «New York Times» auf Band. Da wird gehobelt, und es fallen Späne: Der junge Mann mit dem unaussprechlichen Namen verschont weder sich noch seine ehemaligen DDR-Mitbürger.

Klaus Ultzscht kommt am 20. August 1968 auf die Welt, einen Monat zu früh, eine Sturzgeburt auf einem Hoteltisch. Draussen rollen Panzer, die Luft stinkt und zittert böse. Besser wird es auch später nicht. Dafür sorgen seine Eltern, der Vater, ein Stasi-Mann, die Mutter Hygieneinspektorin. Familie Uhltzscht lebt jetzt in Berlin, in Sichtweite des Ministeriums für Staatssicherheit.

Die Mutter, ein Muster aseptischer Perfektion und strengster Selbstdisziplin, drückt Klaus den Stempel idiotisch weltfremder Musterknabenhaftigkeit auf. Der Vater, ein liebloses Ekel, gibt ihm blühende Minderwertigkeitskomplexe mit auf den Weg: «Er konnte mich mit einem Blick ansehen, unter dem sogar Blumen verwelken müssten. Er konnte an jedem Hotelempfang wegen vorschriftswidrig angebrachter Feuerlöscher Diskussionen entfachen, die länger waren als alles, was er mit mir während der gesamten siebziger Jahre beredete.»

Unverschämtheiten

Mit grimmig-fröhlicher Respektlosigkeit durchtobt Brussig erzählerisch seinen Stoff, nimmt dabei die Pose des Provokateurs, des Antibourgeois ein. Unbekümmert übertrieben lässt er Drastisches, Derbes, Zotiges einfliessen. Seinen energetischen Charakter verdankt das Buch dem Zuviel, dem Zu-dick-Aufgetragenen, der Unverschämtheit und der wütenden, durch schneidenden Witz gebändigten Verve seines Verfassers. Und da er die Erzählung als eine Folge von Tonbandprotokollen für den Mann von der «Times» deklariert, erlaubt ihm das zusätzliche Direktheit, Sprunghaftigkeiten, einen schäumenden Plauderton. Herr Kitzelstein aus New York wird oft beschwörend oder rechtfertigend angesprochen, stellvertretend für den Leser sozusagen. Ihm rückt Klaus Uhltzscht, verstärkt durch diesen kleinen Kunstgriff, dicht auf den Pelz: Seine sich ins Unglaubliche steigernde Geschichte soll geglaubt werden.

Indem er seinen Ich-Helden als Versager mit Grössenwahn charakterisiert, ihm dabei aber immer wieder den Teppich der Überlegenheit unter den Füssen wegzieht, erzielt er seine amüsantesten Effekte. Auch wird sein Klaus auf diese Weise ein bisschen putzig, die Bizarrerie seiner Geschichte ein bisschen versüsst. Und nicht nur die anderen sind die Dummen, die Versager, die «Toilettenverstopfer» und «Sachenverlierer». Uhltzscht ist einer von ihnen.

Wirkliche Abgründe tun sich auf, als Klaus das Geschlechtsleben entdeckt. In schneller Folge durchschreitet er die Stadien der Verklemmtheit, der offensiven Sex-Obsession und der Perversion, alles in äusserster Verzweiflung. Währenddessen bahnt sich jedoch eine Wendung seines Geschicks an: Klaus kommt zur Stasi, da wird er geliebt, da nimmt man ihn ernst. Die Stasi-Schergen sind die unglaublichsten Karikaturen, Brussigs nassforsche, intelligente Prosa entfaltet sich hier in brüllend komischen Szenen. Resultat: die Entdämonisierung des Mythos Stasi mit einem Hang zur Verniedlichung. Seine Monstren sind verspiesserte Einfaltspinsel, allenfalls ein bisschen fies, aber nicht gefährlich.

Nach seinem Eintritt in die Stasi ist Uhltzschts Aufstieg unaufhaltsam, und auch Brussigs Romankonstruktion schraubt sich ins Aberwitzige, ihrer zynischen Pointe entgegen. Sie bahnt sich an, als die sexuellen Frustrationen ihres Simplicius ein Ende finden. Nach einer grosszügigen Blutspende, die Erich Honeckers Leben verlängert, und einem unseligen Treppensturz, der eine Operation zur Folge hat, nimmt sein bislang kümmerliches Genitale ein beträchtliches Format an. Es ist so aufsehenerregend, dass er damit die Öffnung der Berliner Mauer bewirkt haben will. In einem exhibitionistischen Akt hypnotisiert er die Grenzer, die daraufhin das Tor entriegeln. Und resümiert: «Erst der Gang der Zeit, die weiteren Ereignisse in Deutschland, machen meine Version vom Mauerfall rundum plausibel: Sehen Sie sich die Ostdeutschen an, vor und nach dem Fall der Mauer. Vorher passiv, nachher passiv -wie sollen die je die Mauer umgeschmissen haben?»

Unsere Christa

Aber noch bevor es zum spektakulären Fall der Mauer kommt, ergiesst sich Uhltzschts Häme ausführlich über die DDR-Innerlichkeitsautorin Christa Wolf. Hier schon, wie auch in der Schlusspointe, kristallisiert sich des Autors Absage an jedwede Defensivhaltung, vor allem die seiner blutleeren und ratlosen Generation. «Unsere Christa» ist ihm Synonym für feinsinniges Drumherumreden, für eine sedierende Wirkung der Literatur: «Mobilisierte sie ihr ganzes Können nur, um mit einem Satz alles wieder zurückzunehmen? Oder war gerade das ihr Können - jede Behauptung wieder zurückzunehmen? Das war selbst für einen Leser wie mich, immerhin einen Inhaber von fünf Bibliotheksausweisen, gewöhnungsbedürftig.» Wer Christa Wolf gelesen hat, sagte Brussig in einem Interview, hat die DDR sicher nicht so gehasst, wie sie es verdient hätte.

In Brussigs Schelmenroman konzentriert sich aller Witz in der Sicht des klassischen Underdog. Aus der Froschperspektive des Zukurzgekommenen entwirft der Autor ein satirisches Bild der DDR-Gesellschaft. Er weiss, wovon er spricht, denn er war ein Teil dieser Gesellschaft. 1965 in Berlin geboren, im Ostteil der Stadt aufgewachsen, arbeitete Brussig nach dem Abitur als Museumspförtner, Möbelträger und Hotelportier. Nach dem Fall der Mauer studierte er Soziologie und Dramaturgie, veröffentlichte 1991 seinen ersten Roman «Wasserfarben» unter Pseudonym und schickt sich nun an, zum Medienliebling der deutschen Literaturszene aufzusteigen. Schon wird sein neues Buch als der «grosse Wenderoman» gefeiert, schon wird es der «heissersehnte satirische Roman aus dem wilden Osten» genannt. Ihn im Westen zu feiern, ist ein wohlfeiles Vergnügen: «Helden wie wir», die so kräftig hergenommen werden, sind schliesslich nicht wir alle, sondern die Bewohner der Ex-DDR. Die Wessis haben gut lachen; sie kommen nicht vor.




Marion Löhndorf: NZZ vom Dienstag, 10. Oktober 1995.