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Nicht wahr, liebe Leser, wenn angemaßte Verweser des SED-Staates wie Günter Gaus, wenn falsche Witwen des DDR-Kadavers wie Günter Grass und wenn das PDS-Blatt Neues Deutschland, wenn auch die Zeit - und wenn dann auch noch der Autor dieser Rezension von ein und demselben Buch entzückt sind, dann macht so etwas stutzig. Solch ein Werk muß entweder Weltliteratur sein oder ein abgeschmacktes Mißverständnis.
Um es sogleich und mit lustloser Lüsternheit zu sagen: Verehrte Damen und Herren, das Werk "Helden wie wir" handelt vom Wichsen*. Ich empfehle es Ihnen - das Buch -, es ist ein herzerfrischendes Gelächter.
Das außerordentlich kleingeratene Zentralorgan zwischen den Beinen des Romanhelden bewährt sich in diesem Roman über 300 aufregende Seiten als der zentrale Punkt, von dem aus die DDR-Weltgeschichte im Innersten zusammengehalten wird.
Schwer schwanzlastig nennt Brussig im Roman selber seinen Roman. Wer nun vermutet, der Autor sei nichts als ein exhibitionistischer Samenschwengel, geht in die Irre. Nein, dieser übermütige Schelm aus dem Osten Berlins liefert der Menschheit den ersten geistreichen Schelmenroman über einen stinknormalen unbekannten Kämpfer an der unsichtbaren Front. Brussig schildert die grauenhaft komische Leidensgeschichte eines authentischen DDR-Kretins.
Und weil deren Zahl Legion ist, könnte Brussigs Buch zumindest im Osten ein Kultbuch werden, so wundersam wie einst Jerome D. Salingers "Der Fänger im Roggen". Der Autor erzählt nämlich von Anfang bis Ende nur aus der Frosch-Perspektive eines jungen DDR-Bürgers die Geschichte vom Todeskampf eines sklerotischen Regimes bis hin zum Fall der Mauer.
Auch bei Salinger ist der Lebens-Horizont des Helden so charmant beschränkt, wie halt der geistige Haushalt eines Halbwüchsigen normalerweise ist. Der Autor selbst gehört zur Generation seines Helden. Aber die geistige Souveränität dieses jungen Schriftstellers beweist sich daran, daß er im Geschriebenen das austeilt, was er wirklich hat: wenig Wahrheiten, viel Wahrhaftigkeit und noch mehr Witz.
Auch für Westmenschen ist das Buch gut zu brauchen. Brussig zeichnet das realsozialistische Sittenbild so schön gemein, so scharf, so lapidar mit Worten wie der Zeichner George Grosz das nationalistische Pack der zwanziger Jahre mit Punkt und Linie. Brussig ätzt ein psychopathologisches DDR-Familienidyll aus der niederen Nomenklatura: der Vater ein Offizier in Mielkes Diensten, die Mutter eine krankhaft saubere Hvgiene-Ärztin, und das Früchtchen aus dieser sozialistischen Menschengemeinschaft liefert uns den Helden mit dem schwer aussprechbaren Namen Uhltzscht.
Beim Lesen dachte ich gelegentlich: Was mag hier Kunst sein und was Leben? Liefert dieser Schriftsteller etwa freie Produkte seiner Phantasie oder eine ironisch kaschierte Beichte? Schwer zu sagen. Mir kommt es so vor, als ob der Autor selbst keineswegs ein MfS-Kader war. Warum? Weil mir die Interieurs der Firma "Horch und Guck" nicht so erfahrungssicher vorkamen wie die scharfen Bilder aus dem Bestiarium der Familie.
Thomas Mann belegte mal den Roman eines jungen Schriftstellerkollegen mit einem vernichtenden Verdikt: Man werde beim Lesen das unangenehme Gefühl nicht los, der Autor habe alles wirklich erlebt, was er da zusammenschreibt ...
Aber was sagt das schon. Der nämliche Thomas Mann wußte, daß auch der blühendste Phantast nur mit den Wirklichkeits-Pfunden wuchern kann, die er wirklich hat. Im Roman "Lotte in Weimar" läßt Thomas Mann seinen Goethe sagen: "Lebensgeschichte is' immer." Mir ist es egal, aus welchen Quellen der Autor schöpft.
Die Story des Thomas Brussig kulminiert in der drolligen Legende, nicht etwa das "Wir-sinddas-Volk"- Volk und schon gar nicht der schusselige Schabowski - nein! niemand anderes als der wichswütige Held sei es gewesen, der den Sturz der Berliner Mauer mit seinem unterdessen monströs aufgeblähten Zentralorgan bewerkstelligte. An dieser phallischen Lüge ist zumindest dies wahr: Die domestizierte Herde der DDR-Untertanen war es jedenfalls nicht.
Aber der eigentliche, der maliziöse Höhepunkt dieses Romans ist des unbekannten Autors Mord an der weltbekannten DDR-Schriftstellerin Christa Wolf. Die Waffe, mit der er dieses Verbrechen vor aller Augen begeht, schlägt tiefere Wunden als jede Insultation: Brussig zitiert einfach grausam korrekt die originale Rede der Christa Wolf vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz.
Ganz nebenbei: Die Staatssicherheit wird in diesem Roman stark verharmlost. Das sollte einen wie mich eigentlich ärgern. Und diese Schwäche des Buches mag auch ein Grund sein für das Entzücken mancher DDR-Nostalgiker, die von solchen Lügen existieren. Nicht nur der Newcomer, sondern auch der lebenserfahrene Günter Grass verniedlicht in seinem neuesten Werk den Terrorapparat der SED, Grass lügt die DDR um zu einer "kommoden Diktatur". Er injiziert mit einer Distanzlosigkeit, die nur zu blutigen Anfängern oder zu abgemafften Aufhörern paßt, seinen eigenen humorlosen Geifer über die deutsche Wiedervereinigung in die Sprechblasen seiner literarischen Pappkameraden.
Der Gaukler Brussig fällt - mit welchen verquasten Affekten auch immer - nicht so naiv in seinen selbstgemachten Helden rein, sondern bleibt mit traumwandlerischer Distanz in der authentischen Erzählerebene seines Protagonisten.
Brussigs Romanheld weiß aus zwei Gründen noch wenig von der Welt: Erstens weil er so neu unter der Sonne ist, zweitens weil er zudem unter der Käseglocke einer parteifrommen Spießerfamilie in der DDR aufwächst. Also hören wir aus seinem Munde nur das, was aus solch einem Gehirn wirklich kommen könnte. Der wichsbesessene Uhltzscht hat in der MfS-Hierarchie halt keinen weiteren Horizont als ein vermickerter Straßenecken-Stasi.
Dabei kann doch jeder wissen, der nicht davon lebt, daß er es nicht wissen will: Es gab im Riesenapparat der Staatssicherheit gewiß harmlose Trottel wie in jedem Geheimdienst, wie in jeder Regierung und in jeder Redaktion und sowieso in jedem Schriftstellerverband. Es gab im MfS aber auch mehr als genug hochintelligente und effektive Menschenverächter.
Einer von diesen, General Markus Wolf, verhöhnt seine Opfer nun mit einem Kochbuch über die Geheimnisse der russischen Küche. Was in der Sowjetunion wirklich gekocht wurde und darin in der DDR aufgewärmt und vom eingeschüchterten Volk 40 Jahre lang brav ausgelöffelt, das wäre ein anderer Stoff für andere Werke der Literatur, die auch noch geschrieben werden - vielleicht sogar demnächst von diesem kecken Talent aus Ost - Berlin.
Wolf Biermann: Wenig Wahrheiten und viel Witz, in: Der Spiegel 5 (1996).
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