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Was Günter Grass nach Kritikeransicht nicht vollbracht hat, wird Thomas Brussig bescheinigt. Für manchen Rezensenten hat der 30jährige Ostberliner den vom Literaturbetrieb lang ersehnten Wenderoman geschrieben. Sein zweites Buch "Helden wie wir" hat dem früheren Möbelträger, Museumspförtner, Hotelportier und Soziologiestudenten zu plötzlichem literarischen Ruhm verholfen. Das mag an der unerwartet unverkrampften Art liegen, mit der sich Brussig des Wendethemas bemächtigt hat. Die aus sexueller Verklemmtheit entstandenen Perversionen seines Helden nämlich ließen die Mauer fallen, so die Grundidee der Geschichte.
Brussigs Held heißt Klaus Uhltzscht. Nicht nur wegen seines zwangsläufig sehr feucht ausgesprochenen Namens, auch wegen seines allzu kleinen Geschlechtsteils ist der Sohn einer strengen Hygieneinspektorin und eines Stasimannes vom Schicksal hart gestraft. Doch er hat immer an seine große Bestimmung geglaubt, an den Nobelpreis etwa. Seine Lebens- und Leidensgeschichte vom ersten Tripper bis zur geschlechtsteilvergrößernden, mauerumstoßenden Notoperation erzählt Uhltzscht dem Reporter Mr. Kitzelstein von der "New York Times". Sieben Tonbänder bilden sieben Kapitel.
Uhltzscht/Brussig nimmt kein Blatt vor den Mund. Als der kleine Klaus seine erste Erektion hat, erwischt ihn seine Mutter im Bad beim Versuch, seine Sandale daran aufzuhängen. Schuld an der sexuellen Premiere ist Dagmar Frederic, "eine Fernsehmoderatorin ungefähr so apart wie Nancy Reagan. In der DDR-Show "Ein Kessel Buntes" nennt ihr Komoderator O. F. Weidling sie liebevoll "Dackmah". Da ist's um Uhlztscht geschehen. Ähnliches wird ihm später beim Anblick der Eislauftrainerin Jutta Müller widerfahren.
Brussig treibt das Zotige bis zum Höhepunkt und manchmal noch weiter. Mit Sprachwitz und Sinn für Steigerung und Übertreibung im Stile seines literarischen Vorbilds John Irving gelingen ihm die besten Stellen. Lautes Auflachen ist bei solchen Passagen garantiert: "Unzucht mit Broilern sprengte das 9. Kapitel! Ich trieb's mit Tieren! Mit toten Tieren! Toten Jungtieren! Die keinen Kopf hatten. Also mit verstümmelten! toten! Jung! tieren! Vier Perversionen auf einmal!"
Doch hinter all dem vordergründigen Blödsinn entfaltet sich ein stimmiges DDR-Bild. Auf seine Weise schafft Brussig die Parallele von der sexuellen Verklemmtheit, die wegen Unterdrückung in Perversion mündet, zum sozialistischen Staat. Die Erinnerung an die DDR im Detail bewahrt dabei vieles vor dem Vergessen. Zur grandiosen Abrechnung mit Christa Wolf gerät das letzte Tonband mit dem Titel "Der geheilte Pimmel". Hier entlädt sich der ganze Verdruss über das Beschönigende in der sozialistischen Literatur, und Christa Wolf bleibt zeitlebens die Schülerin, zu der die Lehrerin immer sagte: "Aber den schönsten Aufsatz hat wieder unsere Christa geschrieben."
Jutta Lehmer: Sex-Trauma führt zum Mauerfall, in: Nordkurier vom 18.11.1995.
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