Pfiff zurück im Zorn




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Zur Verfügung gestellt von der Süddeutsche Zeitung, 11.01.2008 Pfiff zurück im Zorn

Thomas Brussig lässt einen Schiedsrichter vom Leder ziehen
Uwe Fertig ist Versicherungsmakler und FIFA-Schiedsrichter, seine Wochenenden verbringt er mit einem ungleichen Kampf: „In den oberen Ligen sind es ganze Pfeilwolken von Beschimpfungen, die auf den Schiedsrichter abgeschossen werden, Giftschwaden von Beschimpfungen, die über dem Stadion hängen und wabern.” Uwe Fertig fühlt sich unverstanden, Uwe Fertig geht es nicht so gut. Als Spiel für Spiel zur Unparteilichkeit Verurteilter schert er für ein paar Minuten wenigstens in Gedanken aus und denkt sich seinen Teil. Thomas Brussigs Monolog „Schiedsrichter Fertig” lässt ihn über gute neunzig Seiten hinweg vor sich hinschäumen und -kochen und dann schließlich ins Ungewisse dem nächsten Spiel entgegenfahren. Anders als in Brussigs letzter Fußball-Suada, dem Provinztrainer-Monolog „Leben bis Männer” von 2001, soll so kein Stammtisch-Denken kolportiert, sondern der Stammtisch aus sicherer Entfernung auseinandergenommen werden. Aber dann ist doch nur einmal mehr von belgischen Abseitsfallen, dem Wembley-Tor und Sambafußball die Rede. Vor dem nächsten Match muss Fertig noch schnell auf den Friedhof; seine Frau Judith liegt dort. Sie starb durch den Kunstfehler eines Arztes, den Fertig wiederum als Versicherungsangestellter vertreten muss. Was diese schlapp angenagelte Rahmenhandlung mit Fertigs gesammeltem Unparteiischen-Elend zu tun hat, bleibt unklar, irgendwie aber hängt wohl alles miteinander zusammen: „Die Trillerpfeife ist für den Schiedsrichter das, was für den Chirurgen das Skalpell ist.” Kein gutes Buch. FLORIAN KESSLER





Besprechung von Florian Kessler, Süddeutsche Zeitung, 11.1.2008