Klaus und wie er die Welt sah
Der junge Ostberliner Autor Thomas Brussig hat den heißersehnten Wenderoman geschrieben

Christoph Dieckmann

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Für Günter Grass war der Stoff wohl doch zu klein. Erich Loests "Nikolaikirche" lesen wir später. Heute rufen wir aus: Es ist passiert! Die westdeutsche Literaturkritik verliert ihren liebsten Seufzer: Wo bleibt der große Wenderoman? - Wohlan, hier ist er!

Wie reut uns jetzt, daß wir damals so häßlich über den Kollegen Henryk M. Broder gelacht haben, als er den Exitus der DDR als Werk der Stasi enttarnte. Das fanden wir absurd. Dafür wollen wir uns beim Kollegen Broder und bei der Stasi schön entschuldigen - und fügen gleich an, daß selbst Broder, trotz intimster Nähe zur sogen. Mentalität des Ostens (Spiegel Nr. 27/1995), eines nicht gewußt hat: Die Maueröffnung vom 9. November am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße, diese Sternstunde der Menschheit, danken wir der urgewaltigen Penis-Erektion des jungen MfSMitarbeiters Klaus Uhltzscht. Immer sind es ja die jungen, unverbrauchten Knöpfe, die der Mantel der Geschichte sich an die Manschetten näht. Klaus Uhltzscht (möglichst feucht auszusprechen) ist der eheliche Sohn von Frau Lucie Uhltzscht, Hygieneinspektorin in Berlin-Lichtenberg, und ihres Gatten Eberhard, nominell Mitarbeiter des Ministeriums für Außenhandel, wahrhaft aber das, was im Osten Behördenangestellter hieß: ein untadeliger Tschekist, der Sache der Arbeiterklasse treu ergeben und deshalb von der Vorsehung begnadigt, noch vor dem Hintritt unserer Republik an Darmkrebs zu verscheiden. "Helden wie wir" ist nämlich auch ein trauriges Buch. Aber wer's liest, der wiehert.

Klaus Uhltzschts Sendreise ins Leben: köstlicher Zerrspiegel einer Jugend in der fortgeschrittenen DDR. Das Buch liefert überreich, was die meisten ideologischen Pamphlete, Enquete-Kommissions-Papiere und post-oppositionellen Traktate zum Heimgang der Republik so schmerzlich entbehren: den Fleiß des Erzählers, Selbstironie, die Pars-prototo-Weisheit erlebter und bewahrter Geschichte(n). Thomas Brussigs Gedächtnis für die Trivialitäten der DDR entlarvt die teure Tote besser als jeglicher Vergangenheits-Generalismus. Die DDR steckte immer im Detail: Dr. Schnabls Aufklärungsbuch und das Lied vom kleinen Trompeter, die Eisbeine der Katarina Witt, die singende Dauerwelle Dagmar Frederic, die Arbeitsgemeinschaft Junge Naturforscher und – hach! - die Zentralstelle zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten - alles echt bei Brussig respektive Uhltzscht, der auf seines Schöpfers Geheiß vom Minipimmel zum Mauerbrecher schwillt. Freilich: Ob der mitunter zotige Ton des Buches unsere sozialistische Literatur voranbringt, möchte der Leser bezweifeln. "Sie sah sich meine Latte an und lachte sie aus", vermeldet Seite 191. Das hätte man auch anders sagen können.

Wie aus dem kleinen der große Klaus wird, wie er vom Flachschwimmer zum Titelphoto der Pionierzeitung Trommel reift, dann zum besten Leserbriefschreiber der DDR, dann zu ihrem wachsamsten Onanierer, zum Stasi-Eleven, zu Honeckers Lebensretter und zum Observator von Christa Wolf (Genießer vergleichen Brussigs Seite 161 mit der Seite 28 von "Was bleibt"), das zu erzählen hat uns Thomas Brussig trefflich abgenommen. Daß er Christa Wolf mit Kati Witts Trainerin Jutta Müller verwechselt, erlöst uns von dem klammen Verdacht, Brussig habe Mutti Uhltzscht nach seinem Bilde von C.W. gezeugt. Kassandra als Hygienegöttin mit der Babypuderdose, wie sie ihren vom Tripper erwischten Sohn genital bestäubt - das wäre nicht schön.

Thomas Brussig wurde 1965 in Ost-Berlin geboren. Er war Möbelträger, Museumspförtner und Hotelportier. Nach dem Fall der Mauer studierte er Soziologie und Dramaturgie. "Helden wie wir" ist das Buch einer system-kompatiblen Spätlingsgeneration, die vor dem Fall der Mauer blaß blieb und sich auch danach kaum um die Deutung des Gewesenen bewarb. An der Utopie hatte sie sowenig teil wie an deren Aberbild, der kollektiven Resignation. Wie diese Unberatenen die DDR durchwurstelten, fabuliert John-Irving-Fan Brussig in glücklicher Mischung von Aberwitz und szenischem Realismus. Man wird ihn nach unserer Christa befragen. Er möge sich wappnen - wie der Christa-Wolf-Fan für die Lektüre von "Helden wie wir". Franz Schubert meets Punk. Wem die "Kindheitsmuster" und "Kein Ort, nirgends" in der DDR zu leben halfen, möchte eifern wider eine Despektierlichkeit, die dem raunerischen Zeugnis der Maler dolorosa keine Labung abgewinnen konnte. "... ich habe nie in aller Unschuld mitgemacht, mit ihrer naiven Begeisterung der Aufbaujahre. Ich kann nicht für mich reklamieren, mich für die Menschen aufgeopfert zu haben! Ich kann auch nicht vom Sozialismus träumen, und wenn sie das wüßte, würde ich mir anhören müssen, daß sie da ganz anders waren, noch nicht so konsumorientiert. . ." Nicht Christa Wolf hat damals Klartext gesprochen, beschwert sich Uhltzscht/Brussig namens seiner Generation, sondern der amerikanische "Sprechproben-Präsident" rief aus, worauf es ankam: Die Mauer muß weg! "Wir werden darüber nicht reden können. Genauso wenig wie über alles andere."

Doch, darüber kann man reden. Wir etwas Älteren werden noch dankbar sein, wenn Spätgeborene wie Brussig sich überhaupt auf den Erfahrungsraum DDR beziehen; id est: auf unser Leben. Wahrlich, es kommt eine Zeit (und sie beginnt schon jetzt), da Käpt'n Blaubärs Enkel Opas Geschichten nicht mehr begreifen. Liebe Millionen von Clubmitgliedern: Das wäre schier das Ende der DDR!

Ich kenne Thomas Brussig seit 1989. Eines Maimorgens stand ein scheuer Schlaks vor meiner Tür - verschwitztes Nicki, Gorbi-Plakette - und erklärte: ich kennte ihn zwar nicht, doch er sei "mein Biograph". Dies mußte die Stasi sein. Zum Glück irrte man sich auch mal andersrum. Der Besucher schwatzte episodisch und verspielt über Glasnost, Rock'n Roll und die Agonie der DDR - und daß er, naja, auch schreibe. Er schien ein Woller. Was er könnte, war nicht abzusehen, schon gar nicht sein heutiges Talent, für seine Wahrheit zu weit zu gehen. Da zitiert er Biermann: Wenn alle zu kurz gehen... - Friedensengel sticht bei der Lektüre auch ein bißchen Neid.

Summa: Deutsche, lest "Helden wie wir"! Vor diesem hatte Thomas Brussig schon einen zarten
Roman veröffentlicht. Er hieß "Wasserfarben", vermählte Salinger mit Hermann Hesse und erschien 1991 beim Aufbau-Verlag unter dem textilen Pseudonym Cordt Berneburger (Klaus
Uhltzscht wäre griffiger gewesen). Der Verlag warb mit einem Poster, das Autors scheuen Rücken zeigte. Die große Buchhandlung am Ostberliner Alexanderplatz schmückte ihre Fenster mit Berneburgers Buch und Plakat. Da war Thomas Brussig froh, doch just am nämlichen Tag begannen Fassadenarbeiten und verdeckten die Schaufenster für Wochen, Brussig kam täglich
vorbei, grämte sich und betete um raschen Bauabschluß. Mittelfristig wurde er erhört, aber zur selben Stunde, als die Gerüste fielen, dekorierte die Buchhandlung um. So mußte Thomas Brussig dieses zweite Buch schreiben. Die Volksbuchhandlung ging zur Strafe pleite und ist heute eine Bank. Oberleutnant Eulert, Klaus Uhltzschts Stasi-Vorgesetzter, hätte gesagt: Das ist die Negation der Negation.




Christoph Dieckmann: Klaus und wie er die Welt sah, in: Zeit vom 8. September 1995.