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Klaus Uhltzscht - was sagt Ihnen dieser Name? Nein, nicht mit Bezug auf die Lautsymbolik
(Also, onomatopoetisch dimensioniert steht Uh- für ein Aufstöhnen, -ltzscht für das Ausschütten
eines Fußbades, nicht wahr, und was die tiefenpsychologische Komponente angeht, so suggeriert
das von der Übermacht der Konsonanten bedrängte U ein sisyphusartiges Schicksal
mit zweifellos ödipaler Vernetzung: Bei Klaus Uhltzscht muß es sich um einen Menschen handeln, der aus dem Verlangen nach mütterlicher Liebe heraus die erdrückende Last immer neuer Forderungen auf sich nimmt). Der Name Klaus Uhltzscht hat
vielmehr eine ganz konkret zeitgeschichtliche Bedeutung, denn niemand anderes als
Kläuschen hat die Berliner Mauer geöffnet: "Ich war auf der Flucht vor meinem
Schwanz, als mir zufällig die Mauer in die Quere kam." Haben wir es nicht immer
schon gewußt: Spätestens mit dem Ding an sich rennt der kleine Gott gegen eine
Wand. So jedenfalls Klaus Uhltzscht, Träger des kleinsten Pimmels der Welt. Doch
aufgepaßt: Im Laufe des Romans emanzipiert sich der Ständerbekämpfungsexperte zum Profiperversen, und sein putzigkleines Zipfelchen - ganz antikes Schönheitsideal -, das uns schon auf dem Schutzumschlag entgegenbaumelt, nimmt Da-kann-man-direkt-neidisch-werden-Format an. Ergo: Proportionalitätsverhältnis. Ergo: "Die
Geschichte des Mauerfalls ist die Geschichte meines Pinsels, und wenn Sie nicht
wollen, daß noch Fragen offenbleiben, müssen Sie schon akzeptieren, daß meine Schilderungen ziemlich schwanzlastig geraten."
Natürlich ist nicht zuletzt die Mutti schuld an Kläuschens Verklemmtheit (also doch ödipaler Konflikt, die klangimmanente Methode hat noch immer gezogen). Wie soll sich ein kleiner unschuldiger Knabenpimmel auch zu voller Pracht entfalten, wenn ihn die in "6i"-Kategorien denkende weibliche Vorgesetzte durch die Bezeichnung "Puller" auf Monofunktionalität verpflichtet? Wie soll der pubertäre Sexus nicht einen Knacks fürs Leben erleiden, wenn schon das erste Ständererlebnis durch die omnipräsente Mutter gestört wird ("Ich wollte gerade versuchen, verschiedene Dinge daran aufzuhängen - zum Beispiel meine Sandalen -, als meine Mutter die Klinke herunterdrückte")? Wie soll sich bei einer Mutter, die das Wort Onanie benutzt, "als hätte sie beim Volksgerichtshof-Freisler Spracherziehung gehabt: O! Na!! Nie!!!", ein ungezwungenes Verhältnis zum eigenen Körper entwickeln? Die Folgen sind fatal. Um dem vorwurfsvollen "Hastewiederdranrumgespielt" seiner Mama zu entgehen, kauft sich poor Klaus wichsfleckengemusterte Bettwäsche, nachdem er sich zunächst einen Scheuerlappen von Knäckebrotkonsistenz in die Schlafanzughose gestopft hatte. Ist unter diesen Umständen das "Ich war immer freundlich, lieb und nett, kriegte nie irgend 'ne Frau ins Bett" nicht vorprogrammiert? Hinzu kommt nämlich noch der von Mama anerzogene Hygiene-Fimmel: "Ich lege niemals Hosen aufs Bett oder setze mich gar auf ein bezogenes Bett, weil aufs Bett nichts gehört, was in öffentlichen Verkehrsmitteln Kontakt mit Stellen hatte, die von anderer Leute Ärsche berührt wurden. Ich schlafe nicht im Arsch fremder Leuten!" Daß ein derart hygienebewußter Jungmann beim ersten und einzigen "Munterdrauflosficken" seines Lebens (Tatort Küchentisch) gleich den Tripper davonträgt, grenzt schon an Tragik. Dabei hätte ihn
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Marina, seine erste koitale Begegnung, durchaus für manches entschädigen können - sie, die es sogar einer Sektflasche zu besorgen verstand: "Sie wichste der Sektflasche einen! Sie klemmte sich die Sektflasche zwischen die Schenkel, entfernte mit spitzen Fingern den Draht und begann lachend, am Flaschenhals zu reiben, schnell und fest, und dann kam er."
Die weiteren Etappen in Kläuschens Sexualleben enden nicht weniger tragisch: Eine nach wochenlangem Warten aufgegabelte Bockwurst-Bierschinken-Sülze-Schwabbelfrau läßt ihn und seine Trompete zickigerweise stehen, so daß Klausi-Mausi, um nicht zum Vergewaltiger zu werden, keinen Ausweg mehr sieht und sich for the very first time selbst einen runterholt floggfloggflogg. Leider führt das Minister Mielke gewidmete Treppenhauswichsen zu Knochenbrüchen samt Doppelgips. Bei der ersten wahren Liebe schließlich kriegt Klaus ihn vor lauter Scheu, "einen Engel zu ficken" nicht hoch, und als Schmetterlingsfrau Ivonne ihm obendrein noch ein geheimnisvolles "Tu mir weh" zuflüstert, tritt Totalblockade ein. Wie den Schwanz zieht Klaus auch den Kopf ein, kein Herz geht aus und suchet Freud (allenfalls den Sigmund), alles ist abgestumpft: "Diese Welt war voller Poesie, die Dinge sprachen zu mir, und alles geschah mir zuliebe - aber ich war blind blind blind." Die dumpfe Verzweiflung, die aus diesen Zeilen spricht, ist ausnahmsweise echt, ist die tiefe Melancholie eines Narren, der in resignativer Bitterkeit die eindimensionale Verkürzung seiner Wahrnehmung bekennt: "Einen Sonnenaufgang erlebe ich am liebsten im Kino. Der Geschmack der Luft und die Formen der Pfützen gehen mich nichts an. Es gibt Menschen, die in einer Wolke ein Gesicht oder ein Fabelwesen sehen und sich dazu überflüssige Geschichten ausdenken. Neben einer Bushaltestelle lag eine tote Katze, überfahren, nasses, gestrupptes Fell, das Maul aufgerissen, und alles, was mir dazu einfiel, war, daß man tote Tiere nicht berühren darf, weil man sich davon vergiften kann." Einer derart verengten Perspektive muß die Welt von Schmetterlingsfrauen verschlossen bleiben; lvonnes kaleidoskopartig funktionierendes Handeln und Erleben ist für Klaus ein einziges Rätsel. Manchmal guckt eben kein Schwanz mehr durch, und jemand, der die Mikrofiche (Mikrofische) des NATO-Generalsekretärs für dessen Ejakulat hält, schon gar nicht.
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Klaus Uhltzscht ist und bleibt "der letzte Flachschwimmer"; statt "born to be wild" ist er "born to be a Toilettenverstopfer" - aufgrund der hygienischen Maßnahme des Klobrillenumwickelns -, und der Satz "Du bist der Totensonntagsfick" enthält die ganze Nichtigkeit seiner Existenz
Wo aber soll etwa die Sexualität eines Totensonntagsficks Fuß fassen, wenn nicht in der Perversion? Klaus geht die Sache - nach anfänglichen Versuchen mit Brathühnchen -professionell an. Er treibt es mit Ober- und Unterlippe simulierenden Gummielefanten, die er die "sanft fließende Rhythmik", "die raffinierte Sogwirkung" des Namens Simone de Beauvoir artikulieren läßt, und geht bis zur "Massensodomie" mit einem kaulquappengefüllten Kondom.
Übergangslos schließt sich an diese "Abarten des Geschlechtslebens" der Bericht vom Tod des Vaters an - dieses Vaters, der Klaus mit einem Blick anzusehen pflegte, "unter dem sogar Blumen verwelken müßten" und der die vom jahrelang ahnungslosen Sohn gestellte Frage nach der Beschäftigung bei der Stasi mit einem fiesen Grinsen und dem Satz "Na endlich hast du's rausgekriegt" quittierte. Nach dessen Tod ist die erste Handlung Klaus' ein - freilich wirkungsloser Racheakt. Er nimmt die Hoden des Verstorbenen in die Hand und quetscht sie: "Los, dachte ich, wenn du so allmächtig bist, wirst du jetzt aufschnellen, meine Hand wegschlagen und mir eine runterhauen. Aber dafür war er zu tot. Ich konnte für zwanzig Sekunden seine Eier quetschen. Er hat meine zwanzig Jahre gequetscht, so wie sie aussehen."
Dieses Korrelationsverhältnis zwischen Unterdrückung durch eine autoritäre Macht und sexueller Verkümmerung übertragt der Erzähler auf die kollektive Ebene, wenn es heißt "Ein solches Volk hat einen zu kleinen Pimmel." Von einem Klaus Uhltzscht geäußert, klingt dieser Satz nach reichlich viel Skepsis und Pessimismus, aber irgendwie auch nach entwaffnender Ehrlichkeit, glaubwürdiger als das Heldentum der Aufbaujahre, das etwa Klaus' Mutter für sich und ihresgleichen reklamiert: "Wir haben uns für die Menschen aufgeopfert. Für ganz normale Menschen. Deshalb sind wir Helden. Helden wie wir haben nichts zu bereuen." Der Erzähler - und mit ihm wohl der Autor - begegnet diesem Heldentum der real existierenden Sozialisten mit ironischer Schärfe und zerstört die herrschende Illusion von der geschlossen "Wir sind das Volk" skandierenden Schar, die in revolutionärem Elan die Berliner Mauer erstürmt: "So artig und gehemmt wie sie dastanden, wie sie von einem Bein aufs andere traten und darauf hofften, sie dürften mal - kein Zweifel, sie waren wirklich das Volk." Und wer steht an der Spitze der intellektuellen RepräsenTanten eines solchen Volkes? Christa Wolff: " Sie war die Autorin für ein Publikum, das es nicht fertigbringt, ein Dutzend Grenzsoldaten wegzuschieben" - bis er kommt: Klaus Uhltzscht, der "Erlöser
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mit dem großen Schwanz", und was sich löste, war der Gürtel: "Ich öffnete langsam den Mantel, dann den Gürtel und schließlich die Hosen und sah den Grenzern fest ins Auge. Mit einem Grinsen zog ich meine Unterhose herunter. Ich ließ mir Zeit, viel Zeit, ich sah nacheinander allen in die Augen, und schließlich entriegelte einer von ihnen wie hypnotisiert das Tor."
Fazit: "Sehen Sie sich die Ostdeutschen an, vor und nach dem Fall der Mauer. Vorher passiv, nachher passiv - wie sollen sie je die Mauer umgeschmissen haben?": "Ohne mich ergibt alles keinen Sinn! Denn ich bin das Missing link der jüngsten deutschen Geschichte!" Hier dokumentiert sich die augenzwinkernd-humoristische Grundhaltung des Romans, die häufig bewußte Übertreibung impliziert - wie etwa beim etymologischen "Zermümmeln" des Wortes "Befriedigung": "Was lächelt uns da aus der Tiefe an? Sehen Sie's? Hören Sie's? Ein Wortstamm -fried-! Kann das kriminell sein? Das hat doch was von Schalom! Oder von Friedensnobelpreis! Der Geist von John Lennon! Kirchengesänge!" Immer wieder begegnen wir auch überspitzten Situationen wie aus "Der Sinn des Lebens": Um den latent stumpfsinnigen Honecker mit einer Blutkur aufzufrischen, wird Klaus so viel Lebenssaft abgezapft, daß man ihm vorsichtshalber schon einmal den Totenschein ausstellt. "Wenn das nicht kafkaesk ist, was dann?"
So manche Szenerie ist kafkaesk, die Darstellungsweise Brussigs ist es nicht. Der Roman plätschert munter vor sich hin, unkompliziert in der Sprache und wundersam simpel in seinem Aufbau mit Rahmenhandlung: Zu Beginn fragt ein Korrespondent der New York Times in einem fingierten Interview, wie Klaus Uhltzscht "das mit der Berliner Mauer hingekriegt habe", und am Ende erkundigt sich der Erzähler: "War es das, was Sie wissen wollten?" Solche Erzählstrukturen sind in der Tat alles andere als kafkaesk. Brussig kokettiert vielmehr mit größtmöglicher Transparenz und Unmittelbarkeit, der Suche nach irgendwelchen Metaebenen bietet sich keinerlei Anlaß. Hinsichtlich des Erzähltons freilich kann durchaus von Ambivalenz die Rede sein, denn wie bereits angedeutet verbirgt sich hinter dem derb-ungezwungenen Geplauder - weniger fontanesk, aber irgendwie kurzweiliger als bei anderen Wenderomanautoren - einiges an Bitterkeit: Das rechte Äuglein munter zwinkert, im linken leis die Träne blinkt.
Sandra Kluwe: Kein schöner' Schwanz zur Wendezeit, in: Metamorphosen 17 von Oktober bis Dezember 1996. S. 6-9.
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