Freistossmauer in den Köpfen


Jörg Magenau, FAZ 6.11.2001: Freistossmauer in den Köpfen

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Leben bis Männer. Roman von Thomas Brussig (2001, S. Fischer) Besprechung von Jörg Magenau: FAZ 6.11.2001: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2001 Freistoßmauer in den Köpfen Thomas Brussig hebt das Abseits auf / Von Jörg Magenau Fußballtrainer sind die Macht. Sie schreien ihren Spielern von der Seitenlinie zu: Ich will, daß ihr Gras freßt! Qualität kommt von Qual, sagt Felix Magath und handelt entsprechend. Trainer sind Richter und Lenker, Deuter des Geschehens, Mahner nach dem Sieg und Tröster nach der Niederlage. Wenn ich mal das Ergebnis weglasse, dann ist die Bilanz sehr positiv, pflegte Erich Ribbeck zu sagen, aber der gehörte zu den Gescheiterten. Zehn Klassen drunter, in den Tiefen der Landesliga, geht es nur insofern anders zu, als Trainer hier eine längere Verweildauer bei ihren Vereinen erreichen. Sie sind dort nicht nur für die erste Herrenmannschaft zuständig, sondern für alle Altersgruppen: für Kinder, Knaben, Schüler, Jugend, Junioren - bis Männer. "Leben bis Männer" lautet deshalb der grammatikalisch irritierende Titel einer kleinen Erzählung von Thomas Brussig, in der ein Provinz-Fußballtrainer seine Sicht der Welt aus dem Geist des Fußballs erklärt. Zugleich erzählt er sein Leben, das ein Leben auf und am Fußballplatz des BSG Tatkraft Börde ist. Einige Grundkenntnisse und Orientierungsvermögen in der Welt des Fußballs können bei der Lektüre nicht schaden. Frauen müssen sich zudem damit abfinden, daß sie in diesem Universum nicht vorgesehen sind. Genetisch bedingt verstehen sie nichts von der Sache, weil "Fußball ein Bekenntnis erfordert". Die Freundinnen der Spieler sind die natürlichen Feinde des Trainers, und auch die eigene Frau fungiert allenfalls als schönste Nebensache der Welt. "Ich weiß wirklich nicht, wie man Zeit mit Familie verbringt. Spazieren? Oder reden? Das ist doch nur Zeittotschlagen, nur Getue", sagt Brussigs Erzähler. Trotzdem redet der Mann sehr viel. Genaugenommen kommt niemand außer ihm zu Wort, und sein Redefluß wird nur durch ein paar Regieanweisungen unterbrochen. Der Text ist ein Dokumentarstück, das sich so liest, als habe Brussig einem Originalexemplar schlicht ein Mikrophon vorgehalten. Aber bekanntlich muß man die Realität erfinden, damit sie so aussieht wie die Wirklichkeit. Bruchlos und dicht, glaubwürdig und entlarvend ist dieser Monolog aus den Niederungen der ostdeutschen Provinz. Bestürzende Klischees und überraschende Einsichten sind dabei kaum voneinander zu trennen. Der Trainer als Philosoph geht jederzeit ein hohes Risiko ein. Das weiträumige englische kick and rush als Kolonialherrenstil zu deuten und die schottische Vorliebe für den Flachpaß aus den landestypischen Sturmtiefs zu erklären, hat einige Plausibilität für sich. Daß aus dem ungarischen Volksaufstand 1956 nach dem verlorenen Finale von 1954 nichts werden konnte, liegt ebenso auf der Hand wie die Erfolglosigkeit Spaniens, wo "jede Provinz ihre eigene Terrorgruppe und ihre eigene Fußballmannschaft hat". Grundiert sind diese Weisheiten von einer Ausländerfeindlichkeit, die sich als Großmut tarnt und zwischen "Asylanten, Gastarbeitern, Juden, Negern und Polen" keinen Unterschied zu machen verspricht. Auch der Niedergang der DDR ist aus dem Fußball zu deuten. Der Fußballehrer trat nach der WM 1974 in die Partei ein, weil er hoffte, als SED-Mitglied die Nationalmannschaft zur nächsten Weltmeisterschaft begleiten zu dürfen. Doch die Mannschaft scheiterte ein ums andere Mal in der Qualifikation, und als im Herbst die Grenzen geöffnet wurden, entfiel mit der Begierde auf Westreisen auch die Notwendigkeit der Parteimitgliedschaft. Brussig beweist mit Pointen wie dieser einmal mehr sein Talent, das Politische ins Persönliche zu wenden. Wie in seinem Roman "Helden wie wir" und in der Erzählung "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" erscheint Geschichte bloß als Nebeneffekt des Alltags, der das Dasein bestimmt. Statt Gesinnung herrscht der dumme Zufall: Das macht die dem Volk abgelauschten Gewißheiten auf eine heimtückische Weise harmlos. Man kann sagen, daß die Welt, die Brussig monologisch entfaltet, noch festgefügt ist. Es gibt eine klare Hierarchie, eine verbindliche Moral und eine eulenspiegelhaft verschlagene Lebensklugheit. Doch mit der Wende gerieten die Sicherheiten auch beim BSG Tatkraft Börde ins Trudeln. Das gilt vor allem für Heiko, einen der Spieler, die der Trainer von klein auf betreute. Als der Militärdienst anstand, meldete er sich zu den Grenztruppen, um in der Nähe des Vereins zu bleiben. Heikos Geständnis, einen Flüchtenden erschossen zu haben, kommentierte der Trainer so: "Heiko, hab' ich zu ihm gesagt, wir haben uns diese Welt nicht ausgesucht. Ist nicht deine Schuld und auch nicht meine, daß die Welt so ist." Damit ist die Sache für ihn erledigt, doch der Text, der so spielerisch beginnt, wandelt sich zur Tragödie: Nach der Wende wird Heiko der Prozeß gemacht. Er bekommt zwei Jahre auf Bewährung, doch für den Fußball ist er verloren. "Diese Gerichte verstehen nicht das mindeste von einer Spielerpersönlichkeit", sagt der Trainer. Heiko hat seither nie wieder eine Gelbe Karte riskiert. Was soll man mit so einem noch anfangen? Der Trainermonolog ist bequem in neunzig Minuten zu lesen. Um daraus ein Buch zu machen, verteilte der Verlag die Worte sehr sparsam auf der Weite der Seiten. Großzügige Nutzung des freien Raums - so dachte man sich wohl - kann bei einem Fußballthema kein Fehler sein. Schließlich berechnet sich der Preis eines Buches nach der Seitenzahl und nicht nach der Textlänge. Auf den Leser wirkt das, als müsse von Anfang an gnadenlos auf Zeit gespielt werden. Doch das hat Thomas Brussig nicht nötig. Thomas Brussig: "Leben bis Männer". Collection S. Fischer, Frankfurt am Main 2001. 96 S., br., 19,56 DM. Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main schließen



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