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Der eigenartige Wunsch, die Wende und die Wiedervereinigung der getrennten deutschen Staaten so bald als möglich in aktueller Belletristik dargestellt zu sehen, ist schwer zu verstehen. Weder die Vergangenheit noch die Gegenwart wurden durch den geforderten "Wenderoman" verändert. Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Probleme, sowohl die alten wie die neu entstandenen, wären nicht gelöst, wenn sie ihren literarischen Niederschlag in einer Erzählung gefunden hätten. Bestenfalls träten sie klarer ins Bewusstsein derer, die Romane lesen. Aber das ist nicht einmal sicher; denn Fiction ist dafür eigentlich nicht die am besten geeignete Gattung. Ausserdem ist es doch die Qualität des Kunstwerks, die in jedem Fall über seinen Rang entscheidet, und die ist ja nicht schon gegeben, wenn das Thema die Zeitgeschichte ist. Selbstverständlich ist die Gegenwartsliteratur eine Informationsquelle auch für Zeitgeschichte, ein Seismograph, der feinste Erschütterungen und Verschiebungen anzeigt. Nur meine ich, dass Tagebücher wie die Sudelblätter von Adolf Endler, dem "Tarzan am Prenzlauer Berg", oder Beobachtungen und Aufzeichnungen, wie sie Josef Ortheil in seinem Buch "Blauer Weg" vorgelegt hat, "Zeitmitschriften" wie die Gedichte und die Prosa von Kurt Drawert oder die gesammelten Zeitungsartikel, Aufsätze und Vorträge, die Jurek Becker unter dem Titel "Ende des Grössenwahns" gesammelt herausgegeben hat, insgesamt aufschlussreicher und der Wahrheit näher sind als irgendein zeitgeschichtlicher Gegenwartsroman. Das Tagebuch des Schauspielers Manfred Krug, das dokumentiert, welchen Pressionen die DDRBerühmtheiten ausgesetzt waren, die sich mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann nicht abfinden wollten und das in einem Brief ans Zentralkomitee zum Ausdruck brachten, ist eine ergiebige zeitgeschichtliche Quelle.
Noch immer hält sich hartnäckig die Vorstellung von den "zwei deutschen Literaturen", und dies über den Untergang der DDR hinaus. Natürlich gab und gibt es eine marxistische Literaturtheorie, und natürlich suchten die Machtinhaber in der DDR ihre Literaturpolitik danach auszurichten. Für sogenannte Experimente, vollends etwa für die Absage an jegliche "Gesinnungsästhetik", gab es da keinen Freiraum. Die "Moderne", die sich in Rebellionen gegen das Etablierte heranbildet, hatte hier kaum eine Chance, und wenn man Drawerts Prosastück "Machtmaschine Sprache" liest, versteht man, warum. Verglichen mit der bundesrepublikanischen, der österreichischen und der deutschschweizerischen Literatur war die DDR-Literatur in das Dogma vom sozialistischen Realismus eingesperrt und ohne kreative Kommunikation mit der literarischen Gegenwart des grösseren eigenen Sprachraums ausserhalb ihres staatlichen Kunstgebildes. Austausch, Begegnung mit dem Fremden und Vorstösse ins gänzlich Unerprobte und Ungewisse sind Lebenselemente des literarischen Schaffens. Kontakte zwischen Schriftstellern der westlichen Literaturprovinzen und der DDR haben wohl stattgefunden; der um seine Abgrenzung und Identität eifersüchtig bemühte Staat wachte darüber, dass sich daraus nicht unkontrollierbare Entwicklungen ergeben konnten, und er hatte dabei unter den Schriftstellerfunktionären selbst seine dienstbeflissenen Helfer. Möglich war das alles dank einer flächendeckenden Überwachung. Jetzt ist der Spuk vorbei, die Verlogenheit der menschenfreundlichen Parolen und der Propagandasprüche ist entlarvt.
Thomas Brussig, einer aus der Generation derer, die bis zum Abitur noch unter diesen Verheissungen aufgewachsen sind und nach der Wende ihr Studium beendet haben, rechnet in seinern satirischen Roman "Helden wie wir" rücksichtslos, frech und zielsicher mit den Verlogenheiten ab, die ihm zugemutet worden sind. Sein Buch hat ein nahezu begeistertes Echo in der Presse ausgelöst. Geistreich und wüst enthemmt sei er, erfülle die Wunschträume der Literaturkritik vom grossen Wenderoman, habe die Deutschland-Geschichte unserer Tage geschrieben. "Aber wer's liest, der wiehert", hiess es in der "Zeit". Ich weiss nicht, ob das alles so zutrifft; jedenfalls müsste man hinzufügen, "Helden wie wir" sei bei aller etwas forcierten Humorigkeit ein tieftrauriges Buch. Denn es erzählt die Kindheit und Jugend eines von Eltern, Lehrern und später von Vorgesetzten der Stasi, in deren Dienste er tritt, wissentlich oder - was womöglich noch trauriger ist - in eigener Unwissenheit missbrauchten Menschen. Der Leser meint vielleicht, er habe es mit einem Humorschreiber zu tun, der sich mit Vorliebe der frühen sexuellen Erfahrungen seines Helden Klaus Uhltzsch angenommen hat und sich mit wohlfeilen Sprachspässen wie ein schmieriger Entertainer die Lacher des Publikums sichert, indem er unter die Gürtellinie zielt. Allein, hier haben Wut und Aggressivität die Feder geführt. Der behütete und vor allem bemutterte Knabe Klaus versichert in einer Vorbemerkung, er habe durch ein ganzes Panzerregiment Geburtshilfe genossen, das 1968 in Richtung Tschechoslowakei rollte. Er sei ein "europäischer Zeitzeuge", sagt er, und er sei es auch, der die Berliner Mauer umgeschmissen habe. Die Fallhöhe zwischen diesem Anspruch und den kleinkarierten Erfolgen und Misserfolgen einer DDR-Biographie ist gewaltig. Der Grössenwahn des Klaus Uhltzsch wird nur noch durch seine Uninformiertheit und Naivität übertroffen, woraus sich witzige Pointen ergeben. Die Stasibeamten, die Wohnungen durchsuchen oder Briefkästen auf ihren Inhalt überprüfen, stehen als wichtigtuerische Deppen da und wissen überhaupt nicht, zu welchem höheren Zweck sie rund um die Uhr an der Arbeit sind. Klaus, der Simplizissimus im Überwachungsstaat, stellt die Fragen und reimt sich aus den Antworten eine absurde Illusion zusammen, eine Scheinwelt, in der er seine Heldentaten verrichtet. Den Berühmtheiten der DDR eifert er nach, verehrt mehr noch als Katharina Witt deren Trainerin Jutta Müller und verwechselt diese am Ende gar mit Christa Wolf. Es geht da um die Rede der Schriftstellerin vor den Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz. Was Thomas Brussig seinen Antihelden Uhltzsch dazu und zum deutsch-deutschen Literaturstreit sagen lässt, hat den Charakter einer geistreichen Kabarett-Conférance, ist bissig und schnoddrig und lässt hinter dem Entertainer den desillusionierten Vertreter einer Generation erkennen, die nicht mehr mitgemacht hätte, wenn es noch länger gedauert hätte. Der junge Mann fragt, in allerdings ätzender Naivität: "Wie kann man eine Schriftstellerin, die sich politisch fast nie verbindlich äusserte, politisch gerecht interpretieren?" Dem werden Belege nachgeschickt. Klaus Uhltzsch kennt diesen Stil von seiner Mutter: "Für den Badekappenzwang, aber sonst liberal."
Es gibt tiefgründigere, im sprachlichen Ausdruck dauerhafter verankerte Selbstzeugnisse und Erfahrungsberichte als diese Satire. Ihr haftet zudem ein Rüchlein Sensationshascherei an, vor allem in ihren pornographischen Zutaten. Klaus Uhltzsch will die Mauer mit seinem gewaltigen Glied höchstselbst umgeschmissen haben. Aber auch darin äussert sich schliesslich seine Wut auf ein System mit seinen Falschmünzern vom Dienst. Thomas Brussig befreit sich mit seiner brillant geschriebenen Satire von den Demütigungen, die der real existierende Sozialismus ihm zugefügt hat, witzig, wütend, aggressiv; es ist ein intellektuelles Vergnügen, diesen frechen Text zu lesen.
Anton Krättli: Eine höhnische, tieftraurige Satire auf die DDR, in: Badener Tagblatt vom 25.5.1996.
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