Der Sieger der Geschichte
Thomas Brussig stellt vor: "Helden wie wir"

Konrad Franke

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Daß eines Tages jemand kommen und schreiben würde: "Ich habe die Berliner Mauer umgeschmissen" - das war klar, auch, daß das Ich ein Simplicissimus sein würde. Aber mußte er jetzt schon kommen, Thomas Brussig heißen, dreißig Jahre alt sein?
    Viele Leser aus dem Westen sagen: ja, jetzt brauchen wir so ein fröhliches Wende-Buch, genug der Jammerei der Mitleidheischerei von denen da drüben. Vielen Lesern aus dem Osten fällt das Lachen noch schwer, auch wenn Brussig aus Berlin-Mitte kommt, also einer der Ihren ist. Ist er ein Überläufer, ein Verräter?.
    Sein Buch ist keineswegs nur zum Lachen, es kräuselt nicht nur die Oberfläche der deutschen Seelen. Lachen kann man gewiß über den kleinen Klaus mit dem für Nicht-Sachsen komischen Familiennamen Uhltzscht, über den ahnungslosen, größenwahnsinnigen, intimreflexbeherrschten Garp aus der DDR-Hauptstadt, aufgezogen von einer starken, guten Mutter, von einem strengen, kranken Vater, von den jugendlenkenden Staatsinstitutionen.

Aber Klaus ist auch ein ewig Staunender und seine Phantasie steht dem Lernen im Wege - so bleibt er typgerecht immer ein bißchen dümmer, als er sein könnte, berichtet endlos und atemlos und verbraucht viele Ausrufezeichen. (Den Lesern aus der DDR dürfte statt John Irving Joachim Wohlgemuth als Beweger solcher Helden einfallen.)
    Der Bruch mit Garps Erleben wird von Brussig mit einem einzigen Satz erzeugt. Klaus' Vater nimmt die Zeitung herunter und sagt zu seinem Sohn: "Sag mal, du fängst doch auch bei uns an."
   Brussig schreibt den Satz ohne Fragezeichen, so, als ob zwischen Vater und Sohn alles klar sei. Und Klaus, der länger schon ahnt, wo sein Vater arbeitet, fängt beim Staatssicherheitsdienst an. Der Weg über die "Jungen Pioniere" und die Ferienlager, vorbei an "Teddy" Thälmann und Fritz Weineck, dem "kleinen Trompeter", führt Klaus in den Dienst für die Sicherheit des Staates, nicht zwangsläufig, ganz normal. Er wollte, durch die Polit-Folklore der DDR beflügelt, ohne Ahnung von einer anderen Welt, bei den Siegern der Geschichte sein. Und die Stasi-Kameraden sind ja auch gar nicht böse: eher nette Spinner, die Salzstangen knabbern und nur im Notfall ein bißchen Kindsentführung betreiben oder Erdbeben auslösen, also ihre Pflicht tun.

Der wißbegierige Klaus, Inhaber von erst vier, dann fünf Bibliotheksausweisen, staunt wieder einmal und glaubt, die "echte" Stasi warte noch auf ihn. Außerdem hat er ausreichend mit seiner Mannwerdung zu tun. Die Frauen machen es ihm, der sich im Besitz eines zu kleinen "Werkzeugs" meint, nicht leicht: die erste hinterläßt ihm eine venerische Krankheit, die zweite ist zu dick, die dritte zu edel, und den Frauen aus dem Quelle-Katalog wollen sie alle nicht gleichen. Da muß ein Phantast wie Klaus auf Auswege sinnen, muß also "Perversionen für die Massen" erfinden, Blut für Honecker spenden, Treppen runterfallen, über Besenstiele stolpern und mit seinem plötzlich übergroßen, elften Finger DDR-Grenzer dazu bringen, das Mauertor aufzutun.
    Folgt man diesem Dummerjan, der sich immer wieder selbst die Welt erklären muß und deshalb alles zu spät erfährt und begreift? Man folgt ihm. Brussig weiß, was sein Held von ihm verlangt: ein Fortschreiten von Station zu Station und unterwegs viele kleine Abenteuer, lehrreich bestanden. Nur wenige Episoden aus dem Leben dieses DDR-deutschen Spätmerkers wünscht man sich kürzer oder weniger "originell" notiert.
    Es ist riskant, aus fünf Jahren Abstand mit leichtem, aber nicht blödem Sinn eine traditionsreiche literarische Figur in unsere Gegend zu stellen. Dieses luftige, mutige Buch lebt von einem wilden Erfindungsgeist und von dessen Disziplinierung, es lebt von der Erdung durch genau gewußte Details der DDR-Normalität. Wer im Westen wußte, wie sozialistische Puritaner leben, was blaue oder rote Landkarten, was U-Bahn-Schächte und die "Messe der Meister von morgen" bedeuten können? West lernt, Ost erinnert, West lacht, Ost, nunja, lächelt.

Daß Christa Wolf und ihr Eintreten für eine bessere DDR böse veralbert werden - ein Zugeständnis an den Westen und ein zweiter Bruch im Buch: so klug hatte unser altes Kind Klaus bisher nicht geurteilt. Dafür versichert uns derselbe junge Mensch ein wenig vorher, daß das "System" nicht unmenschlich, aber menschenfeindlich gewesen sei.
    Ach, die ernsten Sätze. Sie fallen zuweilen schwer auf den Leser herab. Aber sie müssen wohl sein in einem deutschen lustigen Buch, wegen der Botschaft. Bei Brussig lautet sie: Alles doch irgendwie ganz schön - für die Gläubigen, alles nicht wirklich schlimm - für die Andersgläubigen. Der Rest ist kurzweilig erfunden und erzählt.




Konrad Franke: SZ vom 11.10.1995.