Der Balzac vom Prenzlberg


Autor Matthias Mattusek, "Der Spiegel" 43/2004 18.10.2004 Der Balzac vom Prenzelberg

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Autor: Matthias Matussek Der Balzac vom Prenzlberg Fünfzehn Jahre nach der deutschen Revolution schildert Thomas Brussigs Roman "Wie es leuchtet" die Wende als großes Gesellschaftstableau. Von Matthias Matussek

Irgendwas ist da wohl schief gelaufen in diesen Dezembertagen 1989 im Ost-Berliner Palasthotel. Man hatte mich in der Juniorsuite 6101 einquartiert, und der Nachtportier brachte mir in den folgenden Wochen und Monaten die SPIEGEL-Faxe aus Hamburg aufs Zimmer.

Der Portier trug blank gewienerte Schuhe, schwarze Hosen, ein widerliches braunes Hemd, braune Weste. Ich war meistens im Bademantel und brüllte ins Telefon, das nur sporadisch Verbindungen zuließ. Ich beachtete ihn nicht. Er beobachtete mich. Er hieß Thomas Brussig.

Jetzt, gerade mal 15 Jahre später, kommt Brussig in seinem neuen Roman auf diesen jungen, doch eigentlich sympathischen Reporter zu sprechen. Er schildert ihn als Größenwahnsinnigen, angeekelt Rasenden, als einen, der sich ständig ereifert und sich für den "GröRaz", den "absolut Größten Reporter aller Zeiten", hält.
Schade eigentlich, denkt man sich. Müssen solche Verzeichnungen sein, gerade jetzt, zum Fest der Einheit, der deutschdeutschen Liebe?

Der Typ, Leo Lattke sein Name, ist ein Kotzbrocken. "Sein Mund mit den schiefgehängten Lippen, stete Anschnauzbereitschaft signalisierend." So geht das weiter. Seitenlang.

Gut, dazwischen sind durchaus treffende Beobachtungen eingestreut wie: "Er war ein Mann von geradezu beleidigender Schönheit." Insgesamt jedoch fällt Brussigs Urteil vernichtend aus, zunächst.

Es ist merkwürdig, sich als Horrorfigur in einem Roman zu begegnen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren:
Die erste wäre der Verriss, irgendwas Fieses über schlampige Konstruktionen und so weiter. Das ist in diesem Fall leider nicht möglich, da es sich um einen herausragend komponierten Roman handelt.
Die zweite Variante ist natürlich die, gnadenlos zurückzuschreiben, ein weiteres Mal über jene Tage in Zimmer 6101 - und diesmal den Nachtportier nicht vergessen.
Also, Brussig, zieh dich warm an, in 15 Jahren bist du fällig!

In der Zwischenzeit darf gejubelt werden: Brussig, dem Wunderknaben vom Prenzlauer Berg, ist der Deutschlandroman gelungen, auf den man seit jenen Tagen gewartet hat.

Er nimmt sich die Wendegesellschaft Berlins vor wie Balzac einst in seinen "Verlorenen Illusionen" die Salons und die Demimonde von Paris, figurenreich, aberwitzig, rührend, politisch, in Hunderten Facetten treffsicher - von gelegentlichen Verzerrungen in einem bestimmten Einzelfall abgesehen.

Sein Roman heißt "Wie es leuchtet"*. Er könnte keinen besseren Titel tragen.

Kann sich denn, im gegenwärtigen Jammertal, keiner mehr an das Leuchten erinnern? Es war überall, in den Augen, im Sprühregen, in den Umarmungen, in den Peitschenlampen an der Mauer, vor genau 15 Jahren. Es war da, als Kräne die Mauerteile anhoben im Scheinwerferlicht und Krähenschwärme durch den Winterhimmel stoben. In Berlin kam die Geschichte an ihr Ende, sagte man.

Es war wie eine Sternschnuppe, die vorbeigezischt ist. Jahrzehntelang war der Mauerfall unvorstellbare Zukunft. Und jetzt ist er längst nachtschwarze Vergangenheit. Irgendwo dazwischen ist es verglüht, dieses Leuchten; dabei ist alles, was wir heute sind, in jenen Monaten geboren worden.

Einschließlich übrigens der Hypotheken, die von den haarsträubenden Versprechungen der Polit-Katastrophe Kohl herrühren, mit denen er sich damals die Stimmen des Ostens herbeizockte. Verlorene Illusionen. Bei Brussig lacht man darüber, denn er zeigt die vertrackte Magie jener entscheidenden Monate als überbordenden Mummenschanz.

Die Verhältnisse tanzten, naturgemäß, zunächst im Osten. Da ist Lena. Sie ist logisch und lyrisch, immer beides. Bald steht sie auf einem Lautsprecherwagen neben dem Riesenantlitz von Marx, der aussieht wie der "Beethoven des Kommunismus", und sie singt die Hymne des Aufstands, die sie eher aus Versehen gedichtet hat.

Ihr großer Bruder fotografiert das alles mit seiner Leica wie mit einem magischen dritten Auge, immer nur das, was wichtig ist. Lattke engagiert ihn für das Hamburger Nachrichtenmagazin. Er will, gesteht er sich, schreiben, wie Lenas Bruder fotografiert. Brussigs Roman ist dieser Bilderberg.

So viele haben sich an der deutschen Revolution abgearbeitet und sind daran gescheitert, larmoyant oder verlogen oder cool wie ein imitiertes Chandler-Husten.
Thomas Brussig, 38, gelingt der Zauber. Er beherrscht das Komische und Sentimentale und Groteske gleichzeitig und hat vor großen Stoffen keine Angst.

Brussigs Bestseller "Helden wie wir" und "Am kürzeren Ende der Sonnenallee",

die ihm internationalen Ruhm einbrachten ("One of Germanys hottest authors", so "Business Week"), waren Ostsatiren. Nun öffnet er zur gesamtdeutschen Oper. Er liebt seine Figuren, selbst Lattke, irgendwann, und er hat Verständnis für ihre Schicksale. Er zeigt Täter und Opfer und wie sehr sie oft beides sind und waren.

Er hebt auf, was wir verloren haben, etwa den "kleinen unrasierten Dichter", der den Ehrgeiz hat, heute auszusprechen, was morgen erst verboten ist. Wie sehr Figuren wie Heiner Müller heute fehlen, wo wir nur noch Rentenspezialisten haben!

Die Zeit leuchtete, weil sie glühte in ihrem Tempo. Alles passierte gleichzeitig.

Bonze Mütze träumt von einer eigenen Straße in Berlin, während die Fahnder bereits im Vorzimmer die Schubladen umkippen. Waldemar, der Nachtportier, bringt endlich seinen ersten Roman unter, der schon ziemlich nach Brussig klingt.

Und sieben unvollendete Transsexuelle stehen verloren im Gesundheitsministerium herum, als wären sie aus einem frühen John-Irving-Roman hier hereingeweht. Ihr Arzt hat sich in den Westen abgesetzt, es ist die Übergangszeit, für die Geschlechter, für die Gesellschaft!

Lauter funkelnde Phantastereien. Da ist das Glasauge von Bode, der in den Lagern gequält wurde - es dient nun als Flipperkugel in einem Automaten in der Volksbühne und federt dort nicht vor blinkende Bikiniweiber, sondern rollt durch Schneefelder und Gulags, prallt gegen die Mauer und Arbeitslager, und es blinkt auch nicht, wenn es trifft, sondern produziert Stiefelschritte, Heil-Orgien, Stuka-Lärm.

So spielt man in diesen Monaten mit den Scheußlichkeiten des Jahrhunderts - so ganz nebenbei bringt Brussig Intendant Castorfs ästhetisches Programm in ein einziges kluges, absurdes Bild.

Brussig ist Satiriker und Gesellschaftskritiker und magischer Realist. Nur so lässt sich eine Figur wie Hochstapler Schniedel fassen, der der Oskar Matzerath der Wende ist, ein alle entlarvender Freak.

Der Albino Werner Schniedel versteckt seine weißen Wimpern hinter einer dunklen Sonnenbrille und hat nichts bei sich als eine gefälschte Visitenkarte, auf der "VW" steht und "Sonderbevollmächtigter". Das reicht in diesen Zeiten.

Er ist 19. Er wirkt jünger. "Man möchte ihn für ein Wunderkind oder für ein Monstrum halten." Hotelchef Bunzuweit, der erfolglos gegen einen fürchterlichen Furzzwang anzukämpfen hat, liegt ihm zu Füßen. Besser: seiner Visitenkarte.

In der Folge wird Hochstapler Schniedel nicht nur eine Rechnung von 24 670 Mark auflaufen lassen, sondern auch, als "Sonderbevollmächtigter", die Zwickauer Trabi-Werke aufmischen, den dortigen Bonzen das Einmaleins des Kapitalismus einbimsen und sie dann ihre Pappautos vor eine Mauer setzen lassen. Das, erklärt er ihnen, sei modernes Management. Das, natürlich, ist vor allem bester ideologischer Slapstick.

Brussigs Roman ist auch einer über den Journalismus, so wie Balzacs "Verlorene Illusionen", dessen Held schwelgt in dieser "Mischung von Hoch und Nieder, von

Kompromissen, Überlegenheiten und Feigheit, von Verrat und Vergnügen, von Größe und Knechtschaft".

Leo Lattke, der den Ehrgeiz hat, nie das zu liefern, was alle liefern, übersieht die Megastory um Schniedel, die sich vor seinen Augen im Hotel abspielt.

Dafür lässt ihn Brussig, der ihm im Fortgang des Romans eine Art Menschwerdung gestattet, tatsächlich die Geschichte aller Geschichten finden. Sie wird ihm später New York einbringen, wohin er mit seiner Trophäe, der unvergleichlichen Lena, verschwindet.

Und Brussig schreibt sie hin, die Reportage. Er macht es wie Balzac, der das Feuilleton, mit dem der junge Held Lucien Paris erobert, tatsächlich erdichtet - was Adorno einst als Beispiel höchster schriftstellerischer Redlichkeit rühmte.

Brussigs Lattke-Reportage: Wenn es eine himmlische Gerechtigkeit gibt, müsste er den Kisch-Preis nachträglich dafür kriegen!
Sie handelt von der blinden Sabine Busse aus dem dunklen, beschränkten Vorwende-Osten, 31 Jahre alt, einem jener Fälle, die nach neuesten OP-Methoden plötzlich reparabel sind. Bis zur Wende lebt Sabine Busse perfekt mit ihrem Handicap. Doch nach dem 9. November reicht das nicht mehr. Seit alle "Wahnsinn" brüllen und "Hast du das gesehen!"

So willigt sie in die Operation ein. Sie will das Leuchten sehen. Als sie dann erwacht, sagt sie "Wahnsinn", und dann fällt der berühmteste aller Wende-Sätze: "Sie ist der glücklichste Mensch der Welt."

Allerdings, so stellt sich bald heraus, gibt es Probleme: Sie sieht alles und versteht nichts. Früher hat sie nichts gesehen und alles verstanden. Lattkes Reportage beschreibt ein tragisches Wende-Schicksal. Sie schließt mit den Worten:

"Herr Professor, produzieren wir Unglück, wenn wir allen geben, was fast alle haben?

Das ist die Frage, sagt er."

Und das ist noch heute die Frage.

Die Geschichte, die damals an ihr Ende kam, hat mittlerweile wieder mächtig an Fahrt aufgenommen. Lattke? Er ist ins Ausland verschwunden. Doch wenn es ihn gäbe, heute, hier, würde er weiterschimpfen. Gegen diese Society-Tante etwa, die kürzlich in ihrer TV-Sendung mit mokantem Grinsen ein paar Kneipensumpfblüten aus Ost und West nach einer neuen Mauer krakeelen ließ.

Lattke würde klar machen, wie wenig solche Geschmacklosigkeiten über die OstWest-Situation erzählen und wie viel über den Zynismus des Plappergewerbes und das Pitbullgemüt derer, die es betreiben.

Und was die Wahlsiege der Rechtsradikalen angeht - Lattke wüsste, dass sie kein Ost-Phänomen sind, weil er wahrscheinlich bereits in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Westen gegen sie protestiert hat, als er noch kein rasender Reporter war, sondern ein rasender Demonstrant.

Lattke, der Rüpel, wo auch immer er steckt, würde sich angesichts der deutschdeutschen Schwierigkeiten vor allem stets daran erinnern: an das Leuchten jener Wochen, das Brussig in seinem Roman eingefangen hat wie niemand vor ihm. Von gewissen Verzeichnungen abgesehen.

S. 192 * Thomas Brussig: "Wie es leuchtet". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 608 Seiten; 19,90 Euro.



Besprechung von Matthias Mattusek "DER SPIEGEL" 43/2004 vom 18.10.2004, Seite 192 Der Balzac vom Prenzlberg