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Wer den Ostberliner Verlag Volk und Welt noch aus DDR-Zeiten kennt, wird
staunen angesichts der frechen Aufmachung seiner diesjährigen Editionen. Der Roman
"Helden wie wir" von Thomas Brussig präsentiert sich nämlich mit einem
Umschlagbild, das alle sozialistischen Zensurinstanzen schon in der Planungsphase
hätte aufheulen lassen. Es zeigt einen nackten männlichen Unterleib, aus kühlem
Marmor zwar, doch nichtsdestoweniger provokativ. Vom erstaunlichen Wandel der
Verhältnisse kündet a1so die Umschlagzier, und eben davon ist im Buch auch die
Rede: Der Roman fängt in einem Narrenspiegel ein, wie aus der Vergangenheit der
Deutschen Demokratischen Republik die Gegenwart der deutschen Einheit wurde.
Über den Autor erfahren wir, daß er Ostberliner vom Jahrgang 1965 ist, sich für
Charles Bukowski, Philipp Roth und John Irving begeistert und seinerzeit dem
DDR-Regime quer lag. Aus welchem Grunde sonst wird ein Abiturient als
Möbelträger, Museumspförtner, Hotelportier verschlissen? Erst nach der Wende
konnte der junge Mann studieren, er wählte Soziologie und Dramaturgie. Falls das
Buch, das er jetzt vorlegte, ein thematisches Programm andeutet, wird es diesem
Autor an Stoff nicht mangeln. Brussig ist mit offenen Augen und Ohren durch
Honeckers abgeschottete Welt gegangen.
Nur er selbst könnte sagen, wieweit die
Geschichte, die er erzählt, die seine ist. Aber daß er den Vorrat eigenen Erlebens
geplündert hat, steht außer Zweifel. Zu genau ist die Zeichnung selbst der
nebensächlichen Details, als daß sie nur der Phantasie entstammen könnten. Freilich
spielt die Phantasie dennoch eine große Rolle, insofern nämlich, als die Realität
phantastisch überhöht und bei aller Wiedererkennbarkeit aufs skurrilste verfremdet ist.
So beschert uns einerseits die Geschichte vom jungen DDR-Bürger Klaus mit dem
schrecklichen Nachnamen Uhltzscht ein Aha-Erlebnis nach dem anderen, weil wir
immer wieder meinen, sie längst zu kennen, und läßt uns andererseits staunen über das
sonderbare Panoptikum dieses Daseins im abgetrennten Stück Deutschland.
Was mit
dem Romanhelden in der Deutschen Demokratischen Republik geschah, erfahren wir
aus seinem Munde, und zwar in Rahmen eines Interviews, das er einem Mister
Kitzelstein von der "New York Times" gibt. Anlaß für das Interesse des Amerikaners
ist das Gerücht, Uhltzscht sei derjenige gewesen, der die Öffnung der Berliner Mauer
er-zwang. Der Held bestätigt die Version, muß aber, um sie glaubhaft zu machen, weit
ausholen, und so tischt er Mister Kitzelstein und den Buchlesern einen ganzen
Erziehungsroman auf, Kläuschens Lehrjahr gewissermaßen - nicht etwa auch
Wanderjahre, denn hinter dem antifaschistischen Schutzwall blieb man zu Hause und
nährte sich redlich.
Solche Biedersprüche drängen sich geradezu auf, denn die
Umwelt des heranwachsenden Klaus ist von einer verrammelten und bigotten
deutschen Spießigkeit, als sei die Deutsche Demokratische Republik geradewegs aus
den Plüschstuben des neunzehnten Jahrhunderts her-ausgewachsen. Oder aus dem
Mief der Hitlerzeit. Die Älteren unter den Lesern werden es nicht schwer finden, in
Klaus' Kindheitsgeschichte deutliche Spuren der eigenen Kindheit auszumachen. Da
wird auf Ordnung, Sauberkeit, Bravheit dressiert. Eltern, Lehrer und Jugendverband
heischen pünktlichen Gehorsam. Alle wissen, was gut für das Kind ist, es braucht
ihnen nur zu folgen, um zum nützlichen Mitglied der Volksgemeinschaft - pardon: der
sozialistischen Menschengemeinschaft - heranzuwachsen.
Doch nie kann Kläuschen
seine Ärztin-Mutter, die "Hygiene-Göttin", zufriedenstellen, nie dem Stasi-Vater, der
stets Bescheid und immer alles besser weiß, irnponieren. In der Schule entwickelt er
die falschen, weil den diversen Planvorhaben nicht dienlichen, Interessen. Wenn er
bockt, so sind das nur matte Verteidigungsgesten, von denen keine ihn davor
bewahrt, sich als Versager zu begreifen. Klaus' Mangel in Selbstwertgefühl
manifestiert sich in seiner Physis - und nun kommt das Organ ins Spiel, das
programmatisch auf dem Schutzumschlag prangt. Und wie es ins Spiel kommt! Man
könnte sagen, das gesamte Schicksal des Helden stehe unter dem Aspekt
niederschmetternden phallischen Unvermögens. An Drastischem wird dabei nicht
gespart.
Ein sozialistischer Erziehungsroman am Rande der Pornographie also?
Mitnichten. Die Fabel ist so viel und so wenig unanständig wie das Leben selbst. Zum
einen trifft die Schilderung von Klaus' phallischen Emanzipationsanstrengungen exakt
ins Herz diktatorischer Prüderie, die das Sexuelle verteufelt, ideologische und
existentielle Vergewaltigungen aber zum Prinzip erhebt. Zum zweiten wird deutlich,
daß Regime, die solchen Prinzipien folgen, selber erschütternd impotent sind. Zum
dritten zeigt die Methode, eine Gesellschaft von der intimen Warte her auszuleuchten,
eine Menge Komik, jedenfalls wenn man sie so handhabt, wie Thomas Brussig das
tut: scheinbar naiv, in Wahrheit hintergründig boshaft, mit genauen Charakter- und
Situationsanalysen, die dank einer guten Portion Übertreibung besonders intensiv
einleuchten.
Klaus landet schließlich, wo er zwangsläufig landen mußte, bei Vaters
Überwachungstruppe. Die Schilderung der Stasi-Lehrlingszeit geriet dem Autor zu
einem Kabinettstückchen erster Güte, gebaut aus all den Ingredienzien, die wir
mittlerweile aus dem Gauckschen Aktenvorrat kennen: dem entsetzlichen Leerlauf
immerwährender Schnüffelei; der horrenden Unbildung der Schnüffler; der jeder
Ökonomie hohnsprechenden Vergeudung von Arbeitskraft und Geldmitteln. Und
mit-ten in diesem Idiotenspiel träumt Klaus, vollgestopft mit Legenden vom
"Kundschafter an der unsichtbaren Front", den angelernten Heldentraum vom großen
romantischen Einsatz im kapitalistischen Feindesland.
Es ist eine gelächterschwangere
Groteske. Aber Brussig macht nicht nur lachen, er zwingt auch zum Ernst. Die
Alfanzereien der DDR-Erinnerung aus der Deutschen Demokratischen Republik
werden immer wieder kontrapunktiert von Kommentaren, mit denen Klaus sich
seinem Interviewer verdeutlicht. So sagt er über das System, dem er einst Liebkind
sein wollte: "Es verunstaltete Menschen. Es brachte sie dazu, zu lieben, was sie hassen
mußten. Und das mit einer Intensität, daß sie das nicht mal heute wahrhaben können.
Ich brauche gar nicht ‚Erinnert Euch!' zu verordnen, ich weiß - und in ein paar
Stunden werden auch Sie es wissen -, daß nichts, was irgendeiner tat, das System
zum Einsturz brachte. Es gab nur einen, und das bin ich. Natürlich bin ich ein Kind aus
ihrer Mitte, aber wenn ich ihren Beitrag zum Ende des ganzen Spuks irgendwie
würdigen soll, dann so: Die einen haben verdorben, die anderen im Stich gelassen -
und erst als ich ihr übelster Zombie war, schritt ich zur Tat."
Aber da sind wir,
schwuppdiwupp, schon wieder im Narrenteil der Geschichte. Wie hat denn nun der
Stasi-Zombie die Mauer überwunden? Mit seinem heikelsten Körperteil natürlich,
dem Jammer seiner frühen Jahre, der zum Supermonstrum aufschwillt, als Klaus am 4.
November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz die U-Bahn-Treppe hinunterfällt.
Vor dem Unfall, während der historischen Demonstration der Sozialismusverbesserer,
hatte er seine letzte Unterwerfungsvision: Die redende Christa Wolf verschmolz ihm
mit der Eisläuferzüchterin Jutta Müller, und beide wurden eins mit Klaus' heimischer
Hygiene-Göttin. Fünf Tage später ist es vorbei mit den sozialistischen Übermüttern
und auch mit den sozialistischen Übervätern. Am 9. November 1989 weist Klaus den
betonköpfigen Wächtern des Grenzübergangs Bornholmer Straße sein ungeheures
Gemächte - und siehe, die Grenzer kapitulieren. Sie öffnen die Gitter und lassen die
wartenden Massen passieren.
Wer meine Geschichte nicht glaubt, wird nicht
verstehen, was mit Deutsch-land los ist", sagt Klaus Uhltzscht zu Mister Kitzelstein,
und in einem höheren Verstande kann ihm auch der skeptische Leser folgen. Denn
diese Biographie ist ja nicht bloß närrisch. Soweit sie es aber ist, lebt sie nirgends von
plattem Witz, sondern immer von der intelligenten Unverschämtheit und dem
treffsicheren Spott der Shakespeareschen Narren.
Sabine Brandt: FAZ, Nr. 235 vom Dienstag,
10. Oktober 1995, S. L2.
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