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Seit einiger Zeit wirbt der Verlag Volk und Welt mit einem dpa-Foto, das seinen neuen Star Thomas Brussig im Gespräch mit Günter Grass zeigt. Wie jeder Wink mit dem Zaunpfahl ist auch dieser überflüssig, denn ein Vergleich zwischen beiden Autoren versteht sich von selbst. Erstens haben Brussig und Grass nahezu zeitgleich Bücher zum Thema "Stasi" veröffentlicht. Und weil zweitens der Prenzlberger Brussig mit "Helden wie wir" das bessere Buch geschrieben hat, erübrigt sich zwar ein Vergleich mit "Ein weites Feld", nicht aber mit einem anderen Grass-Epos, nämlich der "Blechtrommel", die nach wie vor das Maß ist, an dem sich jeder deutsche Schelmenroman messen lassen muß.
Die Ähnlichkeiten zwischen der "Blechtrommel" und Brussigs Buch erschöpfen sich freilich nicht in der Wahl der Gattung. Oskar Matzerath lebt in der ersten deutschen Diktatur, Brussigs Erzähler mit dem buchstabierbedürftigen Namen Klaus Uhltzscht in der zweiten. Beide Figuren sind als Abfallprodukte einer vom Totalitarismus deformierten Gesellschaft und zugleich als Zerrbilder ihrer Generation angelegt. Wie Matzerath ist auch Uhltzscht eher klein geraten, allerdings an wesentlich prominenterer Stelle: "Ich habe den kleinsten Schwanz, den man je gesehen hat. Ich habe nie einen kleineren als meinen eigenen gesehen." Und wie Matzerath kommt Uhltzscht beim Anbruch der neuen Zeit zu unverhofftem Wachstum; nach einer Notoperation erwacht Uhltzscht mit einem Riesenpenis, eine Szene, die zu den komischsten Passagen des Romans gehört: "Als ich mir anschauen konnte, was das Messer des Chirurgen angerichtet hatte, gefror mir das Blut in den Adern. Was ich sah, erinnerte mich an einen zertretenen Frosch. ... Es war mir unbegreiflich, wie sich dieses Gemenge zu einer Erektion organisieren konnte."
Natürlich gibt es auch Unterschiede. Einer besteht darin, daß "Die Blechtrommel" bereits ein Klassiker ist, während "Helden wie wir" erst noch einer werden muß. Was dem Roman zweifellos gelingen wird. Ein derart komisches, vor Fabulierlust strotzendes, ungehemmt schweinigelndes Stück Literatur ist hierzulande seit Jahren nicht mehr erschienen. Nebenbei liefert "Helden wie wir" auch noch den endgültigen Beweis, daß die Themen Realsozialismus, Stasi und Wende humorkompatibel sind.
"Ja, es ist wahr. ich war's. Ich habe die Berliner Mauer umgeschmissen", tönt Klaus Uhltzscht im Einleitungskapitel. Zwei Jahrzehnte und 300 Seiten später wird der Jüngling das Rätsel tatsächlich auflösen. Zuvor allerdings breitet er eine Lebensgeschichte aus, die seinem vermurksten Namen wahrlich zur Ehre gereicht: 1968 während der Niederwerfung des "Prager Frühlings" geboren, hat der kleine Klaus zwar ein frühes Erfolgserlebnis, als er zufällig auf der Titelseite einer parteifrommen Zeitung landet. Doch ansonsten hat er an Kindheit und Pubertät wenig Freude. Vom gefühlsarmen Vater ("der größte Kotzbrocken, dem ich je begegnet bin") verachtet und von der Mutter ("sie war eine Hygienegöttin") zu Sauberkeit, Demut und Kastrationsangst erzogen, bleibt dem Jungen nur die Flucht in Allmachtsphantasien: noch einmal Titelseite sein, Nobelpreisträger werden, einmal im Leben zu einer historischen Mission antreten.
Sein unbefriedigter Geltungsdrang, der sich später in immer ausgefalleneren Perversionen ein Ventil sucht, treibt den Jungen schließlich in die Arme der Stasi, und hier erlebt er ein Wunder. Ausgerechnet Klaus Uhltzscht, der immer schon schlechter informiert war als seine Altersgenossen, der sein dürftiges Weltbild aus Geschichtskarten über den "weltweiten Vormarsch des Sozialismus" und Thälmann-Legenden zusammengebastelt hat -ausgerechnet dieser "Flachschwimmer, Toilettenverstopfer und Sachenverlierer" (Klappentext) darf sich zum ersten Mal überlegen fühlen, weil seine neuen Kollegen eben noch ein bißchen dümmer und ahnungsloser sind als er selber. Binnen kurzer Zeit mutiert der ewige Versager zum Hoffnungsträger und würde vermutlich die Stasi-Karriereleiter bis nach ganz oben hinauffallen, wenn, ja wenn der 9. November 1989 nicht wäre, der Tag, an dem er am Übergang Bornholmer Straße die Metapher seines Lebens findet: "Es war ein Bild des Jammers. Da standen die Tausenden ein paar Grenzsoldaten gegenüber und trauten sich nicht. ... So kannte ich sie, so brav und häschenhaft und auf Verlierer programmiert, und irgendwie hatte ich Mitleid mit ihnen, denn ich war einer von ihnen ... Ein Volk, das mit dem Hinweis aufgemuntert wird, daß es mit behördlicher Genehmigung protestiert, ein Volk, das ratlos vor ein paar Grenzsoldaten stehenbleibt, ein solches Volk hat einen zu kleinen Pimmel - in diesen Dingen kenne ich mich aus." Für ihn selbst ist der Fall zu diesem Zeitpunkt längst erledigt. Denn dank ärztlicher Fingerfertigkeit hat Uhltzscht seine "Kleine Trompete" inzwischen gegen eine "Da-kann-man-direkt-neidisch-werden-Anatomie" eingetauscht. Und weil mit dem Gemächte auch gleich das Selbstbewußtsein enorm gewachsen ist, tut Uhltzscht, wozu die vielen kleinen DDR-Pimmelchen nicht fähig sind: Er öffnet noch am selben Abend die Berliner Mauer.
Zugegeben ist die Penis-Metapher drastisch. Doch steckt dahinter nicht vordergründige Spekulation, sondern der Wille zur Provokation. Brussig will die 89er am Schlawittchen packen, er will ihren Nerv und den der anderen Generationen treffen, die in der DDR sozialisiert wurden und zum Teil bis heute am Menschenbild des Totalitarismus laborieren, seiner Geringschätzung des Lebens und seiner Verachtung der Menschenrechte, über die manche Ostdeutschen noch immer "reden wie der Blinde von den Farben - wir kennen sie vom Hörensagen".
Dank Brussig wird der Humus sichtbar, auf dem die Formelle und Informelle Mitarbeit für die Stasi gedeihen konnte. Sein Klaus Uhltzscht, von jahrelanger Desinformation und Reglementierung zermürbt, läßt sich auf die Stasi ein, weil er hier - und nur hier -so etwas wie individuelle Wertschätzung erfährt. Daß er erst nach hundert Buchseiten seine Liaison mit der Stasi beichtet, erhöht die Glaubwürdigkeit der Figur ebenso wie Brussigs profundes Wissen über die Mechanismen der Kollaboration. So bietet "Helden wie wir" neben vielen erhellenden Einblicken auch eine plausible Antwort auf die Frage, weshalb Informelle Mitarbeiter ihre Tätigkeit nie von selbst eingestehen und warum es den Geständigen fast immer am Unrechtsbewußtsein fehlt. In "Helden wie wir" spricht die Stasi niemals von sich selbst. Die Führungsoffiziere sagen nicht "Staatssicherheit", sondern "wir". Und die IMs können sich in die Tasche lügen: "Die haben gehofft und gehofft und gehofft, daß sie nicht bei der Stasi waren, und als sich nichts mehr weghoffen ließ, haben sie sich von der Stasi ausgetrickst und hintergangen gefühlt."
Um noch einmal auf den Vergleich mit der "Blechtrommel" zurückzukommen: Der wichtigste Unterschied ist vielleicht der, daß Brussig einen "Fehler" des jungen Grass nicht wiederholt. Dessen 700-Seiten-Wälzer war im letzten Drittel über die Wirtschaftswunderjahre etwas die Puste ausgegangen, weil dem Autor offenbar (noch) der rechte Abstand fehlte. "Helden wie wir" endet dagegen mit dem Anbruch der neuen Zeit. Indem Brussig die Jahre nach der Wende aussparte, hat er sich die Hintertür zu einer Fortsetzung offengelassen. Man kann sich nur wünschen, daß er, nach einer angemessenen Kunstpause, auch durch sie hindurchschlüpft.
Sven S. Poser: Blechtrompete, in: TIP - BerlinMagazin 24 (1995).
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