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Da redet sich einer in Rage. Da lässt einer eine lang aufgestaute Wut los und gibt sich dabei preis. Da fängt einer mit dem Hohn auf Sprichwörter an (»hohle, dumme und lächerliche Gedanken«) und hört nach achtzig Seiten mit seiner Verdammung der Windräder (»die größte Umweltverschandelung«) noch lange nicht auf. Dazwischen aber gibt es die große Abrechnung mit dem Fußball, eine hemmungslose Raserei über den Rasen, übers Fußballgeschäft, über die Spieler, die Reporter, über die Leute, die sich bei Zuschauerbefragungen äußern, über die Verhunzung der Regeln, über die Höllenfahrt dessen, was einmal ein Spiel war und über den Tod jener Zeiten, »als ein Foul noch ein Foul war«.
Der Furor erklärt sich von selbst: Die Rage- und Redefigur ist Schiedsrichter, ein Mann am Ende seiner Nerven und auf dem Gipfel der Verbitterung. Dem Unparteiischen haben die Frustrationen so zugesetzt, dass er nur noch Partei sein kann, Partei gegen alles, was mit seinem Wochenendjob zu tun hat. Er weiß sich als Märtyrer, als Knallcharge, als Hassobjekt, als Idiot der Fußballfamilie. Auf dem Höhepunkt seines Zorns aber wohnt der Zynismus: »Von achtzigtausend wütenden, rasenden Menschen ausgepfiffen, angepöbelt, beschimpft, angebrüllt, beleidigt, bedroht und vor ihnen in Sicherheit gebracht zu werden ist das Größte, was ein Schiedsrichter erreichen kann Dafür, dass mich zigtausende Menschen neunzig Minuten lang anschreien, duzen, beleidigen und beschimpfen dürfen, dass sie mir aus vollem Halse übelste Beschimpfungen entgegenkrakeelen dürfen, mit allem, was die deutsche Sprache und die eigene Lunge hergibt, sind dreitausendachtund sechzig Euro doch eine lachhafte, erbärmliche Entschädigung.« In seinem masochistischen Monolog zerreißt es diesen Pfeifenmann fast wie einst Rumpelstilzchen.
Thomas Brussig von der Sonnenallee, dieser hochgewitzte Autor, ist mit sarkastischem Elan in das Trikot dieser verstörten, empörten Existenz geschlüpft - Schiedsrichter Fertig heißt das Buch, mit dem endlich wieder einmal ein Profi des Wortes das Fußballfeld bespielt. Denn seit die Sportseiten der Zeitungen sich wie Feuilletons lesen, Fußballberichte wie Short Storys und Trainerstürze wie griechische Tragödien, hat sich der Fußball der Literatur entzogen. Vorbei schienen die Zeiten, als Netzer aus der Tiefe des Raums kam und die Angst des Tormanns beim Elfmeter unser aller Angst (oder wenigstens Redensart) wurde. Die Poetisierung der Arena-Events besorgen heute die dichtenden Reporter noch vom Stadion aus, und die dramaturgischen Knoten binden sie schneller als die Spieler ihre Schnürsenkel. Nun aber Brussigs Rückeroberung des Sujets, und damit auch niemand den Anspruch verkenne, nennt er sein Bravourstück Eine Litanei. Und das wäre, wenn wir dem »Grimm« trauen, so etwas wie »eine lange, eintönige, sich wiederholende Herzensergießung«. Thomas Bernhard, an den manches erinnert, hätte es wohl »Eine Erregung« genannt.
Ob nun große Literatur oder nicht, die Sache hat Pfiff. Ob Kunststück oder nicht da kennt sich einer aus. So genau, so raffiniert, so psychotrickreich hat (mir) noch keiner das (Un-)Wesen des Fußballs im 21. Jahrhundert erklärt. Selbst die allerschönste Amateurskepsis wird noch für dumm verkauft, wenn dieser Schiedsrichter loslegt. Und auch die kulturkritische Analyse erntet Hohngelächter über ihre Naivität.
Brussig entdeckt den Pfeifenmann (»diese Pfeife!«) als den letzten Vertreter eines alten Sports, gewissermaßen als Endspieler, und er führt uns tief in den Abgrund des heutigen Fernsehspektakels: »Auf dem Platz wird nur gelogen, betrogen, getrickst und geschummelt Sie tun den Mund auf und lügen, sie schaun dir in die Augen und lügen, alle Worte, Zeichen und Gesten formen sich zu Lügen.«
Ein Schiedsrichter wird nur durch seine Fehlleistungen unsterblich
Fazit: »Der Fußballplatz ist ein einziges Lügentheater.« Und in diesem Inferno aus Lügen wird der Unparteiische zu einem Dante, der nach seiner Beatrice sucht, nach der Wahrheit, und doch weiß, dass er sie nicht nur nicht finden kann, sondern auch gar nicht finden darf, denn: »Ein Schiedsrichter kann nicht durch seine Leistungen unsterblich werden. Kein Schiedsrichter kann durch seine Leistungen unsterblich werden. Ein Schiedsrichter kann nur durch seine Fehlleistungen unsterblich werden.«
Ein herrlich schneidender Text. Der Residenz Verlag hat daraus eines seiner edlen Bücher gemacht, schönstes Papier, splendider Druck, viel kontemplatorisches Weiß drumherum, und eine Schrifttype, deren Fragezeichen wie kleine Seepferdchen zwischen den Sätzen schwimmen, als wollten sie signalisieren, es sei ja alles nicht so böse gemeint.
Besprechung von Dieter Hildebrandt, Die Zeit, 4.10.2007
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